Richard Strauss

Elektra

Alessandra Marc, Hanna Schwarz, Deborah Voigt, Siegfried Jerusalem, Samuel Ramey u.a., Wiener Staatsopernchor, Wiener Philharmoniker, Giuseppe Sinopoli

Deutsche Grammophon 453 429-2
(1995) 2 CDs, Komponiert: 1906-08, Uraufführung: 1909 in Dresden; DDD



Richard Strauss

Elektra

Birgit Nilsson, Regina Resnik, Marie Collier, Gerhard Stolze, Tom Krause u.a., Wiener Philharmoniker, Georg Solti

Decca 417 345-2
(1967) 2 CDs, Komponiert: 1906-08, Uraufführung: 1909 in Dresden; AAD



Elektra ist nichts für zarte Gemüter, sondern eine exzessive, hundertminütige Rache-Orgie. Hugo von Hofmannsthal entwarf sie nach Sophokles' Atriden-Tragödie: Elektra "ruht" nicht eher, bis Orest, ihr Bruder, den Meuchelmord am Vater Agamemnon rächt. Das ließe sich auch noch in einem Western unterbringen. Wohl kaum aber solche Mörder wie Mutter Klytämnestra und ihr Liebhaber Aegisth und schon gar nicht die Titelheldin und ihr pathologischer Showdown: Elektra, längst dem Rachewahn verfallen, tanzt sich im Moment der erlösenden Rache orgiastisch, kathartisch in den Tod! Strauss bot für diesen Bühnenschocker alles auf, was seiner genialen Fantasie zur Verfügung stand: hundertelf Musiker, davon vierzig Bläser, ganze Schlagzeugbatterien und eine herb expressive Tonsprache.
So entstand sein aggressivstes Opus, und mit ihm (nach dem Salomé-Skandal) ein weiterer Bühnenschocker des "Bürgerschrecks und Biedermanns" (Thomas Mann). Und so schrieen und malten die Kritiker und Karikaturisten: "Hexengekreisch!" und "elektrische Hinrichtung!" des Hörers.
Sie hatten nicht ganz Unrecht. Was hier an dämonischer Kraft herauftönte, das demonstriert Giuseppe Sinopoli auf verstörende, packende Art. Schneidend scharfes Blech, brachiales Schlagwerk, intensivste Geigenvibrati - der Strauss-Experte treibt das Orchester zur Hochform. Dabei ist nichts nur laut oder dick. Selbst im ozeanischen Klangteppich und den gewalttätigen Entladungen sind klare Strukturen zu erkennen. Derart analytisch "gebettet" können sich die Solisten über weite Strecken selbst gegen diese Orchesteropulenz behaupten.
Zwar hat Alessandra Marc in tieferen Lagen mitunter zu kämpfen; ihre strahlende Höhe und ihr Crescendo-Volumen, vor allem aber ihre existenzielle Hingabe, machen das wett. Markerschütternd gerät ihr die Wiedererkennungsszene mit dem heimgekehrten Bruder (bassgewaltig auftrumpfend: Samuel Ramey). Hanna Schwarz und Deborah Voigt stehen ihr in punkto Glaubwürdigkeit und Stimmpräsenz in nichts nach; jene als phänomenal alt-sonore, hysterisch-schauderhafte Klytämnestra und diese als überschwänglich um Frieden ringende Schwester Chrysothemis.
Solche außerordentlichen Solistenqualitäten weist auch Georg Soltis fulminante Einspielung auf. Was Solti allerdings im abschließenden psychopathischen Horrorszenario an orchestraler Ausdrucksgewalt aufbietet, übersteigt noch Sinopolis enervierenden Zugriff. Da verschlägt es einem den Atem. Leider stößt dabei die ältere Aufnahmetechnik an ihre Grenzen.

Christoph Braun




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