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Johann Sebastian Bach

Das wohltemperierte Klavier Teil 1

Richard Egarr

harmonia mundi HMU 907431.32
(125 Min., 6/2006) 2 CDs

Eine edle, klangvolle, durchdachte, zudem rundum verantwortungsbewusst, sehr ernsthaft und umsichtig musizierte Version des ersten Teiles von Bachs "Wohltemperiertem Klavier": Richard Egarr brilliert an einem überaus wohlklingenden Katzman-Cembalo von 1991 (nach einem Vorbild von 1638), und schon seine Darbietung des sattsam bekannten C-Dur-Präludiums überwältig auch den dieses Stücks bereits müde gewordenen Hörer durch die agogisch fein differenzierte Gestaltung, durch die Klangschönheit – und nicht zuletzt durch den Reiz der verwendeten Stimmung. Egarr hält sich diesbezüglich an Bradley Lehman, der aus der "Arabeske", die Bach am Kopf des Titelblatts des Autografen der Sammlung platziert hat, dessen bevorzugtes Stimmungssystem herauslesen zu können glaubt. Das rätselhafte Adjektiv "wohltemperiert" nämlich meint allem Anschein nach keineswegs eine für barocke Begriffe noch gleichsam "tote" gleichschwebende, sondern vielmehr eine kunstvoll ausbalancierte ungleichschwebende Temperatur des Instruments. Ob man Lehmans ikonografisch gestütztem Ansatz nun Glauben schenken mag oder nicht: Egarrs Interpretation überzeugt in temperaturtechnischer Hinsicht vollkommen, erhalten doch die einzelnen Tonarten einen je eigenständigen Charakter, basierend auf ganz unterschiedlich gelagerten Schärfen und Weichheiten. Eine Hör-Erlebnisreise, fürwahr. Gern folgt man Egarrs wissender Umsetzung des komplexen Werkes auch hinsichtlich der stets wahrnehmbaren Durchdringung der polyfonen Strukturen und der feinen, inneren Zusammenhänge u. a. auf motivischer Ebene. Einzig und allein ein Aspekt kommt etwas zu kurz: War nicht Bach auch ein Virtuose? Selbstverständlich, wir sind heute alle Glenn-Gould-geschädigt, und wenn Bach seine Soloklaviermusik tatsächlich gern auf dem Clavichord zur Ausführung brachte, dann ist äußere Virtuosität in Form von schnittigen Tempi sicher kein Thema. Aber was ist mit Bach, dem atemberaubend flinken Cembalisten und Organisten? In diesem Punkt allein, dies sei bekräftigt, hätte Richard Egarr seinen Hörern etwas mehr Nervenkitzel zugestehen dürfen.

Michael Wersin, 01.02.2008



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