"Herbert von Karajan ist noch heute der weltweite Inbegriff der klassischen Musik." Ein wahrlich großes Wort Anne-Sophie Mutters zum bald bevorstehenden 100. Geburtstag ihres Idols. Ein verständliches auch, bedenkt man, welche Karriere die Ausnahmekünstlerin ihrem Mentor verdankt. Jetzt, in der Karajan-Geburtstagsbox der Deutschen Grammophon, kann sie ihre beeindruckend intensive, mit 17 Jahren aufgenommene Einspielung des Beethoven’schen Violinkonzertes wiederfinden.
Aber ist ihre Eloge wirklich noch gültig? Überschlugen sich in den sechs Jahrzehnten von Karajans Wirken die Preisungen des "Wunders" und "Phänomens Karajan", so haben inzwischen bekanntlich doch andere Klangmaximen dessen Schönheitsideal (das von ihm geradezu päpstlich zum Unfehlbarkeitsdogma erklärt wurde) zumindest relativiert. Statt bedingungsloser Verehrung schlägt dem Jahrhundertdirigenten heute – einerseits – mitunter strikte Ablehnung aufseiten der "historisch informierten Aufführungspraxis" entgegen. Andererseits versuchen seine Anhänger ein Comeback ihres "Maestrissimo" und führen, etwa im Kreis des Frankfurter konservativen Edelfeuilletons, ganze Rehabilitationsfeldzüge.
Die nun veröffentlichten "Master Recordings" halten für beide Parteien Munition bereit. Dass keine vor-Mozartliche Einspielung einbezogen wurde, spricht für sich. Aber auch das Requiem und die Krönungsmesse des Salzburgers, 1975 eingespielt, dürften den "Historisten" genügend Bauchgrimmen bereiten. Hier ist der gewissermaßen perfekte, konturenlos satte Breitwandklang der Karajan’schen Berliner Orchestertruppe zum Aufstoßen präsent. Und der weitgehend undifferenziert dauerbrüllende Singverein aus Wien wird nur noch von der heftig tremolierenden Geigenhundertschaft übertönt. Da vermag auch das für sich genommen exquisite Solistenquartett nichts zu retten: Solche romantisierenden Weihestunden sind heute nurmehr schwer erträglich – und allenfalls noch bei den 1968 eingespielten italienischen Opernintermezzi à la Puccini und Mascagnini zu goutieren.
Ganz anders der große "Rest" der Box (in der naturgemäß labelfremde Referenzaufnahmen, etwa die EMI-Mozart-Opern aus den frühen 50er Jahren, wie auch – marktstrategisch motiviert – hauseigene neuere "Master"-Produktionen wie Schostakowitschs zehnte und Bruckners siebte Sinfonie, Karajans letzte Aufnahme, fehlen). In erster Linie sind Remakes der späten 50er und 60er Jahre versammelt – und das ist gut so. Denn angefangen von Strauss‘ schlankem, vorwärtsdrängendem "Heldenleben" und Tschaikowskys gleichermaßen gravitätisch wie feinsinnig ausgeleuchtetem Klavierkonzert mit Svjatoslav Richter und den Rokoko-Variationen mit Rostropowitsch über die epochale Bestückung des deutschen sinfonischen Hausaltars (Eroica und Vierte aus Karajans erstem DG-Beethoven-Zyklus; Schuberts Unvollendete und große, mit geradezu Toscanini’scher Unerbittlichkeit präsentierte C-Dur-Sinfonie, Brahms wunderbar sangliche Zweite und Dritte) bis zur klassischen Moderne, die Karajan auf vorbildlich filigrane und gleichzeitig klangfarblich mitreißende Art eingespielt hat (Debussys La mer, Ravels Daphnis-Suite und Boléro; Strawinskis Sacre und Bartóks Konzert für Orchester): Diese nach wie vor gültigen, mitunter mustergültigen Aufnahmen sollten in keinem Plattenschrank fehlen. Auf dass das "Genie des Wirtschaftswunders", das Adorno gleichermaßen kritisierte und anerkannte, angemessen gewürdigt werden kann. Nicht mehr und nicht weniger.

Christoph Braun, 22.02.2008



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