Gerne wird die französische Sopranistin Sandrine Piau auf das Barockfach reduziert. Was ihr nicht gerecht wird. Schließlich tauchen in ihrer handverlesenen Diskografie solche Werke wie das Deutsche Requiem von Brahms und ein komplettes Debussyalbum auf. Auch auf ihrer neuesten Lied-CD hat Piau wieder sublime Tonpoeme ihres Landsmannes ausgestreut, um im gefühlvollen, melismatischen Tonfall zu baden. Das macht Piau aber erneut nicht gedankenverloren und aufschäumend, sondern mit einem unendlich feinen Gespür für die unterschiedlichen Ausschläge auf diesen vier Gefühlsthermometern. Ihr Sopran besitzt in den schimmernd-zarten Höhen Verführungs- und Strahlkraft zugleich ("Nuit d´étoiles"), und Piau bringt mit ihrem silbernen Klang in "Zéphir" die Süße und die Bitternis in ein Idealverhältnis.
Eingebettet sind die vier Debussychansons überhaupt in eine Klangwelt, die das Suggestive und das Schattenhafte, das Stimmungsgedämpfte und die Dämmerstimmungen in vollen Zügen ausleben und erlebbar macht. Hochromantische Delikatesse in ausgewählten Liedern von Ernest Chausson, sinnliches Melos in Reinform im "Mädchenblumen"-Zyklus von Richard Strauss oder die bedrückende Leichtigkeit, die auch das halbe Dutzend Lieder von Alexander Zemlinsky eintönt – das Programm, das Piau mit ihrer souverän gestaltenden Begleiterin Susan Manoff da zusammengestellt hat, ist bis in die emotional tiefsten Tiefen ein betörendes Kaleidoskop der Seelenschwingungen, wie sie für den Umschlagplatz vom 19. zum 20. Jahrhundert typisch waren. Und selbst bis in die 1930er Jahre haben diese noch hineingestrahlt, in die "Sept Chansons pour Gladys" von Charles Koechlin. Mit ihrer Phrasierungs- und Legatokunst sowie ihrem musikalisch-poetisch Ausdruck sorgt Piau so auch bei diesen neo-impressionistischen Kleinoden dafür, dass man die Französin ab sofort als große Allroundsängerin wahrnehmen muss.

Guido Fischer, 21.03.2008



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