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Michael Praetorius

Pro Organico

Jean-Charles Ablitzer

Alpha/Note 1 ALP114
(59 Min., 6/2005) 1 CD

Wer würde schon vermuten, dass ausgerechnet in der verschlafenen niederdeutschen Kleinstadt Tangermünde eines der wichtigsten Instrumente der deutschen Musikgeschichte steht? Und doch ist es so: Hans Scherers aus dem Jahr 1624 stammende Orgel in der Kirche St. Stephanus ist das bedeutendste Exemplar frühbarocker Orgelbaukunst in Deutschland, das Kriege und Modernisierungswellen der Jahrhunderte einigermaßen unbeschadet überstanden hat. Michael Praetorius, der wohl bedeutendste norddeutsche Komponist an der Wende zum 17. Jahrhundert, beschrieb genau solche Instrumente in seinen musiktheoretischen Werken und hatte an seinen Organistenstellen an norddeutschen Höfen wohl auch nahezu baugleiche Orgeln zur Verfügung. Tatsächlich passen die direkten Klangfarben der 28 erhaltenen Register, die mitunter an eine Stadtpfeifercombo erinnern, sowie die kernige Tongebung der Schererorgel ideal für die Werke des "Vaters der evangelischen Orgelmusik". Mit Stücken wie seinen Fantasien über Choräle Martin Luthers führte Praetorius die Renaissancetradition der Choralbearbeitungen zu ihrem Gipfelpunkt, zugleich verarbeitete er in der reichen Ornamentik jedoch auch Einflüsse der englischen Virginalisten. Trotz der erstaunlichen Klangpracht, die der Franzose Jean-Charles Ablitzer auf seiner klug zusammengestellten und stilbewusst gespielten Praetorius-CD seinem Instrument etwa im Finale der großen Fantasie über "Eine feste Burg" entlockt, bleibt freilich stets der flächige, spätmanieristisch polyfone Charakter von Praetorius’ Stil präsent. Vorbildlich ohne verfälschenden Hall aufgenommen ist diese Aufnahme ein Nachecho einer Musikkultur, die kurz darauf in einem der größten Kriege der Menschheit zu Grunde gehen sollte.

Jörg Königsdorf, 28.03.2008



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