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Franz Schubert

Späte Klaviersonaten

Leif Ove Andsnes

EMI 5164482
(147 Min., 2001-2006) 2 CDs

Man stelle sich das einfach mal vor für einen Augenblick: Ein junger Mann, Ende 20, komponiert einige Stücke für Klavier, und er weiß, es sind dies die letzten, bevor er aus der Welt scheidet. Kaum glaublich scheint eine solche Szene, und doch ist sie (in etwa) wahr. Die späten Klaviersonaten von Franz Schubert tragen das Les Adieux in sich (und nicht nur vor sich her). Gleichwohl empfiehlt es sich, mit Jeremy Siepmann zumindest Zweifel zu hegen an der Behauptung, Franz Schubert habe gewusst, was er da tat, also wissentlich den Tod herbeikomponiert. Vielleicht ahnte er das Ende. Hört man sich nun durch die Aufnahme der legendären Trias aus den Sonaten in c-Moll, A-Dur und B-Dur (D 958-960) hindurch, die Leif Ove Andsnes zusammen mit der früheren D-Dur-Sonate D 850 zu einem Quartett gebündelt hat, dann wird doch recht schnell klar, dass Andsnes die Zweifel des Bookletverfassers teilt. Wohl klingt sein Schubert zuweilen trist, tödlich indes klingt er so gut wie nie, selbst dort nicht, wo die Notenlage es nahelegt wie im Andante sostenuto aus der B-Dur-Sonate. Das Scherzo beispielsweise dieser Sonate mutet bei Andsnes geradezu beschwingt an, ja beinahe möchte man sagen: lustig. Und ebenso frohgemut geht der norwegische Pianist – der auch hier erneut seine Stärken zeigt (wunderbar saubere Technik, ausgefeilte Tempi, Vielfalt der Valeurs), seine Schwächen aber nicht verbergen kann (mangelnde Magie, geringes Geheimnis, schwacher Schauder) – das Finale an. Von finalen Erzählungen keine Spur. Und als wolle er dies unterstreichen, spielt Andsnes auch insbesondere die c-Moll-Sonate mit Beethoven‘scher Verve (was logisch erscheint, ist das Thema des Kopfsatzes eine Reaktion auf dessen c-Moll-Variationen, worauf Siepmann kenntnisreich hinweist), will sagen: mit dem Lebenswillen eines Endzwanzigers, der alles andere will als Wotan im Ring. Er will das Leben, nicht das Ende.

Jürgen Otten, 17.07.2008



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