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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 10 (Fassung von Deryck Cooke)

Wiener Philharmoniker, Daniel Harding

Universal/DG 4777347
(78 Min., 10/2007) 1 CD

Angefangen von den bedrückenden biografischen Entstehungsumständen (der Ehebruch der abgöttisch verehrten Alma im Sommer 1910) über die unendliche Fassungsfrage (darf man überhaupt und wenn ja wie den gigantischen Torso vervollständigen?) bis zum Glatteis der Bedeutungs- und Interpretationsebene (spricht hier Gevatter Tod oder doch und jetzt erst recht "das Leben"?): Es ist ein Kreuz mit Mahlers Zehnter. Daniel Harding präferiert nicht nur die heute allgemein übliche, darum nicht weniger problematisch bleibende "Konzertfassung" Deryck Cookes – die, wie auch ihre Konkurrenten Barshai, Wheeler, Carpenter, insbesondere bei den beiden letzten, nur als Skizze überlieferten Sätzen mit ihrer mitunter seltsam "unmahlerischen" Instrumentierung deutliche Fragezeichen hinterlässt. Der junge Engländer glaubt auch, Mahlers Schwanengesang zeuge von "lebensbejahender Widerstandskraft". Man muss dies einem gerade mal 33-jährigen Aktivposten des internationalen Konzertbetriebes nicht verübeln, ebenso wenig wie seinen verständlichen Widerspruch gegen die Ansicht, Spätwerke sollten nur ältere Semester präsentieren. (Bekanntlich ist Alter noch kein Verdienst!) Aber: Man will, bitteschön, diese tatkräftige Lebensbejahung dann doch auch hören! Schon das Solo-Bratschen-Thema zu Beginn formt Harding weit weniger als etwa sein Lehrmeister Rattle oder Altmeister Ormandy. Explizit "verschenkt" ist auch die andere Berühmtheit: der wahrhaft neutönende Schrei des Neunton-Akkordes, auf den sich das gigantische Adagio hinbewegt. Treffend charakterisiert Harding ihn als "reinen Edvard Munch in Musik" – aber nur im Booklet! Apropos "Altmeister": Es ist doch (wieder einmal) bemerkenswert, um wie viel kompromissloser und konsequenter (den Verlauf der gigantischen Ecksätze im Auge behaltend) oft "die Alten" zu Werke gegangen sind! Was beim 66-jährigen Ormandy 1965 als Hinrichtungs-Fanal einem schier den Atem verschlägt – neben jenem Akkord vor allem der von geradezu bedrohlichen Paukenschlägen und allerletztem, vergeblichem Aufbäumen kündende Finalsatz – das klingt beim halb so alten "Heutigen" nur als ermatteter Auflehnungsversuch. Um nicht einseitig "negativ" zu sein: Hardings Wiener Mahler ist durchaus kein Reinfall, wie die wunderbaren Farbschattierungen, die behutsamst angegangen Übergänge und kammermusikalischen Finessen zeigen, mit denen die Wiener Nobeltruppe einen geradezu gespenstisch "schönen" Endzeitkomponisten präsentiert. Aber den "anderen", nicht minder wichtigen, den tragischen – oder wenn man, wie Harding, es will – den scheinbar lebensbejahenden Mahler bleibt der junge Engländer schuldig.

Christoph Braun, 25.07.2008



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