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Diverse

Kapell Rediscovered

William Kapell

RCA Red Seal 82876 68560-2
(150 Min., 1953) 2 CDs, live

Die Laufbahn William Kapells war bereits vorbei, noch bevor die Welt so richtig auf ihn aufmerksam geworden war: Mit nur 31 Jahren kam er auf dem Rückweg von einer Australientournee bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Die wenigen Aufnahmen, die er in den Jahren zuvor gemacht hatte, reichten zwar, um ihm einen Platz unter den großen Pianisten des 20. Jahrhunderts zu sichern, die Liveaufnahmen seiner letzten Auftritte in Australien zeigen jedoch, dass Kapell gerade erst dabei war, zum größten Pianisten seiner Zeit zu werden. Egal ob bei Rachmaninows drittem Klavierkonzert oder Mussorgskis „Bildern“, Mozarts später B-Dur-Sonate oder Debussys „Suite bergamasque“ – überall fasziniert auf Anhieb der Ton: kantabel, sprechend und von einer Leichtigkeit, die dennoch Gefühl ohne agogische Mätzchen vermittelt. In Kapell vereinen sich altmeisterliche Anschlagsalchimie und modernes Strukturgefühl: Sein Chopin nimmt schon die Strenge eines Alexis Weissenberg vorweg, fügt aber noch dämonische Züge hinzu, seine siebte Prokofjewsonate setzt den brutalen Akkordballungen einen introvertierten Lyrismus entgegen. Von wunderbarer Durchsichtigkeit und spielerischer Agogik sein Mozart, von betörender Klangschönheit und Charme sein Debussy. Viel Mühe haben die Klangtechniker von Sony BMG darauf verwandt, diese Dokumente – Mitschnitte eines australischen Radiofreaks – zu restaurieren. Natürlich kratzen die alten Acetatscheiben mitunter mächtig, der Klavierton säuert hin und wieder etwas ein und einige fehlende Takte mussten aus anderen Kapellaufnahmen eingeflickt werden. Doch man hört über das Knacksen hinweg: Wäre diesem Pianisten mehr Zeit vergönnt gewesen, würde die Klavierwelt heute anders aussehen.

Jörg Königsdorf, 29.08.2008



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