Hinweg mit der stocksteifen Barockoper. Mit all der Rhetorik, den Rezitativen und Da-capo-Arien, bei denen es am Ende sowieso nur noch drauf ankam, wer unter den Kastraten die beste Fitness bei den Koloratursprints besitzt. Die Musik als Echo natürlicher Empfindungen – das war es, was für Christoph Willibald Gluck zählte. Um die Oper entsprechend zu durchlüften, riss Gluck 1762 mit "Orfeo ed Euridice" erstmals die Fenster weit auf. Doch auch der Reformer Gluck hatte natürlich ein musikalisches, jedoch kaum beachtetes Vorleben. Durchaus bienenfleißig hatte er sich da jener traditionellen Opera seria angenommen, die später auf seinem Index stehen sollte. Und wie selbstverständlich griff Gluck dafür beim Star-Librettisten Pietro Metastasio zu. Einer seiner Schlager war "Ezio", den Händel schon 1732 vertont hatte. 1750 brachte Gluck nun seinen "Ezio" in Prag zur erfolgreichen Uraufführung. Und 13 Jahre später legte er in Wien eine revidierte Fassung dieses Intrigendramas vor, bei dem der römische Feldherr Ezio in einen stereotypen Handlungssumpf aus Verrat, Rache und Nebenbuhlern gerät. Merkwürdigerweise soll "Ezio" seit jenen Zeiten nie wieder aufgeführt worden sein. Umso erstaunlicher war es, dass 2007 und kurz hintereinander erst die "Prager" Fassung in Düsseldorf und dann bei den Ludwigsburger Schlossfestspiele die "Wiener" von 1763/64 präsentiert wurde.
Glücklicherweise bewies Gluck bei seiner Revision Erbarmen mit dem Sitzfleisch des Publikums. Denn während er zunächst auch auf ellenlange Rezitative gesetzt hatte, die eine gefühlte Ewigkeit dauern, hält die gekürzte Version die Konzentration auf die herrlichen Melodieeingebungen hoch. Und die verfehlen in der Einspielung von Dirigent Michael Hofstetter mit seinem Ludwigsburger Premieren-Ensemble durchaus nicht ihre Wirkung. Countertenor Franco Fagioli gelingen als "Ezio" und mit seinem Bartoli-nahen Timbre Momente von wundersamer Seeleneinkehr. Kirsten Blaise als Ezios Angebetete kann dagegen Koloraturen wie Giftpfeile herausschleudern. Dem Rest fehlt es hier und da leider etwas an Intonationskultur und Tonschönheit. Und auch die Orchestermusiker schienen im Laufe der Aufnahmesessions an Energie eingebüsst zu haben. Dennoch: Dieser Wiener Ezio hat den auch unlängst unveröffentlichten Prager Ezio mehr als nur um eine Nasenlänge geschlagen.

Guido Fischer, 10.10.2008



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