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The Evolution Of An Artist

Chet Baker

BHM/Zyx BHM 2002-2
(295 Min., 1952-1957) 4 CDs

Wenn man so will, lässt sich eigentlich fast alles, was derzeit an populärem Jazz größere Hörerschichten erreicht, auf Chet Baker zurückführen: der betont zurückgenommene "weiße" Gesang, die unangestrengt einfachen Soli, das blendende Aussehen. Das Schöne an der von RONDO-Autor Marcus A. Woelfle zusammengestellten Kompilation ist, dass man sich nun ein jazzhistorisch differenziertes Bild von Bakers Entwicklung als junger Künstler machen kann – und gleichzeitig keine Scham verspüren muss, wenn man in Ergriffenheit vor der Musik niederkniet. Denn einerseits verhehlen die frühen Aufnahmen keineswegs die technischen Limitationen des Trompeters, andererseits gibt es so vieles, das diese mehr als aufwiegt: Charlie Parkers Rasanz etwa oder Gerry Mulligans noble kontrapunktische Linien. Und hier verbirgt sich auch die kluge Dramaturgie der CD-Box – es wird offenbar, wie sich Baker von seinem Alter Ego Mulligan im Laufe von fünf Jahren emanzipiert. Aufnahmen des Gerry Mulligan Quartet von 1952 und der Reunion 1957 bilden den Rahmen. Während das Quartett in seiner speziellen Westcoast-Ästhetik stehen bleibt, ja schlussendlich bei der Wiedervereinigung blass und überlebt wirkt, hat sich der unsichere Trompeter zu einem ausgewogen agierenden Solisten und hinreißenden Sänger entwickelt.
Wer die Chet-Baker-Hits wie "My Funny Valentine", "Everything Happens to Me" oder "But Not for Me" will – der bekommt sie hier selbstverständlich. Und als üppige Zugabe einige in Vergessenheit geratene oder zu Lebzeiten nicht veröffentlichte Sensationen: beispielsweise Bakers Third-Stream-Avancen mit Septett. Oder unglaublich anrührende Gesangsaufnahmen wie das im Dezember 1957 eingespielte "There’s a Lull in My Life". Das könnte auch heute in den Charts stehen.

Josef Engels, 31.10.2008



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