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Arnold Schönberg

Pelleas und Melisande, Erwartung

Anja Silja, Philharmonia Orchestra, Robert Craft

Naxos 8.55 7527
(69 Min., 8/1999, 2/2000) 1 CD

Es muss nicht immer Pierre Boulez sein, um sich den exemplarisch gestalteten Wegmarkierungen der klassischen Moderne zu widmen. Robert Craft ist seinem französischen Kollegen absolut ebenbürtig, was gerade das Schaffen von Igor Strawinsky oder Arnold Schönberg angeht. Tradition und Fortschritt – diese für beide zutreffende Janusköpfigkeit setzte Schönberg schon 1902 unter Hochdruck, als er aus dem vielfach vertonten Maeterlinckstoff von Pelléas und Mélisande ein klangsattes und von spätromantischen Wellen durchflutetes Orchesterpoem komponierte. Mit dem Philharmonia Orchestra kostet Robert Craft aber nicht nur alle mäandernden (Seelen-)Temperaturen aus. In der Durchdringung des Notentextes schaut Craft weit über den Einfluss Wagners hinaus. Die einsam vor sich hinsingenden Soloviolinen weisen auf Richard Strauss zurück, der Schönberg ja auf Pelléas und Mélisande aufmerksam gemacht hatte.
Craft wäre aber kein genauer Kenner der Materie, wenn er in der sinfonischen Dichtung nicht auch auf die kleinen, winzigen Sprengkörper achten würde, mit denen Schönberg das Tor zur Moderne endgültig aufstoßen würde – Schönbergs Kammersinfonie hört Craft durchaus mit. Dennoch kommt es einem Schockerlebnis gleich, wenn sich mit dem Monodrama "Die Erwartung" op. 17 die Tonalitätsvorzeichen komplett verkehren. Sieben Jahre nach "Pelleas" spaltete Schönberg das große Orchester regelrecht in scharfkantige Gruppen und Einzelstimmen auf, um dieses Meisterwerk des musikalischen Expressionismus zu einem einzigen Psychokrimi zu machen.

Guido Fischer, 21.11.2008



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