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André-Ernest-Modeste Grétry

La caravane du Caire, Le jugement de Midas

Ricercar Academy, Chœur de Chambre de Namur, Marc Minkowski, La Petite Bande, Gustav Leonhardt u.a.

Ricercar/Note 1 RIC 268
(155 Min., 1980, 1991) 2 CDs

Mit donnernden Beckenschlägen und heftig entflammten Streichern öffnet sich der Vorhang. Und wer nicht wüsste, dass Mozart keine zweite "Entführung aus dem Serail" komponiert hat, der würde jetzt an eine Ausgrabung des Salzburgers glauben. Zumal ja auch ein gewisser Osmin wieder sein Unwesen treibt. Aber glücklicherweise kommt alles anders, als man denkt. Denn "La caravane du Caire" ist trotz der morgenländisch aufgestellten Ouvertüre kein billiges Mozartimitat, sondern echter Grétry. 1783 wurde diese Perle in Fontainebleau uraufgeführt. Und der in Lüttich geborene André-Ernest-Modeste Grétry (1741-1813), der in Paris mit seinen über 60 Opern und neben François-André Danican Philidor die Opéra-comique mit reichlich Frischzellen versorgte, bewies trotz des exotischen und etwas verzwickten Macht- und Liebesdramas, dass man nicht gänzlich ins modische Horn der Türkenoper tröten muss, um sich im Harem genüsslich einzurichten.
Um sich dort bis zum rauschenden "Danse pour les Turcs"-Finale wohlzufühlen und dabei zu beobachten, wie ein Sultan große Augen bei einer Ladung Sklavinnen bekommt (von denen die eine natürlich schon längst vergeben ist), reicht Grétrys temperamentvolle Musiksprache vollkommen aus. Da reihen sich zündende Arien an Ensembleszenen, wird hier herrlich gesäuselt und dort ein wenig buffonesk gezwinkert. Französische Finesse und italienische Vitalität – bei dieser "Caravane" bilden beide Seiten eine zupackende Liaison. Zumal die 1991 mitgeschnittene Liveaufnahme aus Namur von Dirigent Marc Minkowski wie immer gnadenlos beherzt angegangen wird. Und das Orchester wie das Sängerensemble stehen Minkowski in nichts nach, was Springlebendigkeit und stimmschauspielerische Ausgebufftheit angeht. Zum Glück blieb auf der Doppel-CD noch genügend Platz, um ein zweites Grétryvergnügen erstmals auf CD zu veröffentlichen. Es sind die musikalischen Einlagen, die Grétry 1778 zur Komödie "Le jugement de Midas" des Iren Thomas Hales komponierte. In der Einspielung durch La Petite Bande unter Gustav Leonhardt lernt man Grétry aber nicht nur als Connaisseur der Pastorale kennen. Fast als kleine Spitze gegen Jean-Philippe Rameau möchte man die von überspannter Tragik durchsetzten Arien interpretieren.

Guido Fischer, 21.11.2008



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