Johann Sebastian Bach mutierte mit 17, Joseph Haydn gar erst mit 18 Jahren. Wie weit sich unter solchen Bedingungen einst eine Knabenstimme entwickeln konnte, ist evident. Heute kündigt sich der Stimmbruch häufig bereits mit 13 Jahren an. Damit läge Dennis Chmelensky, der es in ebendiesem Alter zu einiger stimmlicher Reife gebracht hat, hinsichtlich seiner Karriere als Knabensolist praktisch schon fast in den letzten Zügen. Das ist in der Tat bedauerlich, denn wäre das Zeitfenster größer, dann müsste ein begabter junger Musiker wie er, dessen ernsthafter musischer Hintergrund unter anderem die Berliner Dommusik ist, vielleicht nicht unbedingt durch eine dumme Castingshow mit Dieter Bohlen in der Jury bekannt werden, und er müsste vielleicht auch nicht eine aus Pop- und populären Klassiktiteln zusammengestellte Debüt-CD vorlegen, die in puncto Seriosität eben doch weit hinter dem zurückbleibt, was der künstlerische Alltag etwa eines begabten Tölzer-Knaben-Solisten ist, der mit Mozarts "Zauberflöte" oder Bernsteins "Chichester Psalms" um die Welt reist.
Dennis Chmelenskys Stimme ist ein heller, angenehm timbrierter Sopran mit sicherer Höhe. Auf längeren Tönen schwingt die Stimme in ein leichtes natürliches Vibrato aus, was für ein gutes Atemfundament und einige Lockerheit im Kehlkopf spricht. Allerdings ist die Stimme recht schmal geführt, und viele Vokale zeichnen sich nicht durch Präsenz und Offenheit aus, sondern klingen recht halsig und eng. Selbstverständlich darf man niemals die physischen Beschränkungen außer Acht lassen, die ein Knabenkörper nun einmal hat – aber dennoch wäre gesangstechnisch vielleicht etwas mehr herauszuholen. Die Orchesterarrangements sind einigermaßen sorgfältig und ohne allzu große Effekthascherei gemacht. In der Ausführung (es dirigiert Helmut Branny) passen sie sich liebevoll den Bedürfnissen der Knabenstimme an, etwa hinsichtlich der Tempogestaltung. Die grauenhafte lateinische Version von Schuberts "Ave Maria" mit ihren vielen falschen Wortakzenten hätte man dem eher klassisch orientierten Hörer vielleicht ersparen können, Bachs "Bist Du bei mir" hingegen kommt in einer dezenten Bearbeitung recht gut zur Geltung. In den besten Momenten des Programms, so könnte man zusammenfassend konstatieren, versprüht Chmelenskys Gesang einigen Charme – in den weniger guten Augenblicken trüben gesangstechnische Grenzen das Bild und führen unter anderem zu leichten Intonationstrübungen. Der Gesamteindruck bleibt leider ein wenig ambivalent.

Michael Wersin, 11.04.2009



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