Dass die Neue Musik des 20. Jahrhunderts keine leichte Kost ist, ist einerseits Gemeinplatz, andererseits aber auch ein Vorurteil. Leichte Kost ist nämlich die, die sofort zum Herzen spricht, bei der keine intellektuelle Anstrengung nötig ist, um den Krebs des zweiten Themas im Bass zu erkennen ... Intuition und Unmittelbarkeit vermittelt nun auch das Programm, das Leif Ove Andsnes auf seiner CD "Shadows of Silence" zusammengestellt hat. Ganz wesentlich ist dabei die emotionale Herangehensweise: Eingeleitet wird das Programm von "Lullabies", einem gerade einminütigen, melancholischen Wiegenlied von Bent Sørensen, gewissermaßen das Motto dieser Einspielung. Das folgende Klavierkonzert von Witold Lutosławsi lässt sich kaum in einer spannungsreicheren, spontaneren Interpretation denken. "Zurücklehnen und entspannen" möchte man dem Hörer raten, damit die lebendig vermittelten Details dieser Musik zwischen Serialismus und Expressivität Aufnahme finden.
Dem Bemühen zu "verstehen" entspringt oft die Anstrengung, die mit dem Hören Neuer Musik verbunden ist. György Kurtags kurze Stücke aus "Spiele" lassen sich auch ganz anders aufnehmen, als abstrakte, kleine Klangexperimente, die ebenso subjektiv neue Erfahrungen ermöglichen. Ein Klavierkonzert des 1961 geborenen Franzosen Marc-André Dalbavie bildet den zweiten Schwerpunkt. Es ist Andsnes gewidmet, der zusammen mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ein beeindruckendes, farbiges Kaleidoskop der Klänge des zu den "Spektralisten" gerechneten Komponisten entwirft. Am Ende verklammert das Stück "The Shadows Of Silence" von Sørensen das Programm: Wie eine Folge freier Assoziationen ziehen sich changierende Akkorde durch eine imaginäre Landschaft.

Matthias Reisner, 03.07.2009


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