Dass die Neue Musik des 20. Jahrhunderts keine leichte Kost ist, ist einerseits Gemeinplatz, andererseits aber auch ein Vorurteil. Leichte Kost ist nämlich die, die sofort zum Herzen spricht, bei der keine intellektuelle Anstrengung nötig ist, um den Krebs des zweiten Themas im Bass zu erkennen ... Intuition und Unmittelbarkeit vermittelt nun auch das Programm, das Leif Ove Andsnes auf seiner CD "Shadows of Silence" zusammengestellt hat. Ganz wesentlich ist dabei die emotionale Herangehensweise: Eingeleitet wird das Programm von "Lullabies", einem gerade einminütigen, melancholischen Wiegenlied von Bent Sørensen, gewissermaßen das Motto dieser Einspielung. Das folgende Klavierkonzert von Witold Lutosławsi lässt sich kaum in einer spannungsreicheren, spontaneren Interpretation denken. "Zurücklehnen und entspannen" möchte man dem Hörer raten, damit die lebendig vermittelten Details dieser Musik zwischen Serialismus und Expressivität Aufnahme finden.
Dem Bemühen zu "verstehen" entspringt oft die Anstrengung, die mit dem Hören Neuer Musik verbunden ist. György Kurtags kurze Stücke aus "Spiele" lassen sich auch ganz anders aufnehmen, als abstrakte, kleine Klangexperimente, die ebenso subjektiv neue Erfahrungen ermöglichen. Ein Klavierkonzert des 1961 geborenen Franzosen Marc-André Dalbavie bildet den zweiten Schwerpunkt. Es ist Andsnes gewidmet, der zusammen mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ein beeindruckendes, farbiges Kaleidoskop der Klänge des zu den "Spektralisten" gerechneten Komponisten entwirft. Am Ende verklammert das Stück "The Shadows Of Silence" von Sørensen das Programm: Wie eine Folge freier Assoziationen ziehen sich changierende Akkorde durch eine imaginäre Landschaft.

Matthias Reisner, 03.07.2009


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Ein Schuss setzt die Welt in Brand: Vor einhundert Jahren, am 28. Juli 1914, erklärte das Kaiserreich Österreich-Ungarn Serbien den Krieg - der Auftakt zur Mobilmachung in ganz Europa. Wie unwahrscheinlich ein Kriegsausbruch nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger eigentlich war, und wie viele persönliche Macht- und Fehlentscheidungen von höchster, aber auch ministerialer Ebene dazu nötig waren, hat gerade der Historiker Christopher Clark in seinem Buch neu aufgearbeitet. Von ganz anderer, nämlich musikalischer Seite nähert sich die Sopranistin Anna Prohaska dem Thema. Ihr neues Album reflektiert das Datum, das das "Jahrhundert der Kriege" einläutete, mit einem weit gesteckten Repertoire, das über Sarajevo und Verdun hinausweist. Von Soldatenliedern des Dreißigjährigen Krieges bis zu Propagandagesängen, vom "Trommellied" aus Beethovens "Egmont", über Schumanns "Grenadiere", bis hin zu Liedern von Liszt, Fauré, Mahler, Ives, Weil und Eisler reichen die Zeugnisse, die Prohaska an der Seite ihres Pianisten Eric Schneider dafür aufruft. Aus flackernder Begeisterung und auswegloser Verzweiflung entsteht hier das musikalische Porträt einer Ausnahmesituation - die bis heute alltäglich geblieben ist.