Dass die Neue Musik des 20. Jahrhunderts keine leichte Kost ist, ist einerseits Gemeinplatz, andererseits aber auch ein Vorurteil. Leichte Kost ist nämlich die, die sofort zum Herzen spricht, bei der keine intellektuelle Anstrengung nötig ist, um den Krebs des zweiten Themas im Bass zu erkennen ... Intuition und Unmittelbarkeit vermittelt nun auch das Programm, das Leif Ove Andsnes auf seiner CD "Shadows of Silence" zusammengestellt hat. Ganz wesentlich ist dabei die emotionale Herangehensweise: Eingeleitet wird das Programm von "Lullabies", einem gerade einminütigen, melancholischen Wiegenlied von Bent Sørensen, gewissermaßen das Motto dieser Einspielung. Das folgende Klavierkonzert von Witold Lutosławsi lässt sich kaum in einer spannungsreicheren, spontaneren Interpretation denken. "Zurücklehnen und entspannen" möchte man dem Hörer raten, damit die lebendig vermittelten Details dieser Musik zwischen Serialismus und Expressivität Aufnahme finden.
Dem Bemühen zu "verstehen" entspringt oft die Anstrengung, die mit dem Hören Neuer Musik verbunden ist. György Kurtags kurze Stücke aus "Spiele" lassen sich auch ganz anders aufnehmen, als abstrakte, kleine Klangexperimente, die ebenso subjektiv neue Erfahrungen ermöglichen. Ein Klavierkonzert des 1961 geborenen Franzosen Marc-André Dalbavie bildet den zweiten Schwerpunkt. Es ist Andsnes gewidmet, der zusammen mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ein beeindruckendes, farbiges Kaleidoskop der Klänge des zu den "Spektralisten" gerechneten Komponisten entwirft. Am Ende verklammert das Stück "The Shadows Of Silence" von Sørensen das Programm: Wie eine Folge freier Assoziationen ziehen sich changierende Akkorde durch eine imaginäre Landschaft.

Matthias Reisner, 03.07.2009


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Eine soziale Einrichtung als Motor der Musikgeschichte: Antonio Vivaldi blieb dem Ospedale della Pietà in Venedig, einem Waisenhaus für höhere Töchter, bis auf wenige Reisejahre fast lebenslang als Lehrer verbunden. Er profitierte nicht nur vom rein weiblich besetzten Spitzenorchester, das stets züchtig hinter einem Gitter musizierte - was die Fantasie der zuhauf anreisenden Kulturtouristen eher erhitzte als kühlte. Das enorme Spektrum an Instrumentalfarben und die Kompetenz der für ihren Unterricht angestellten Musiker wirkte sich befruchtend auf seine Kompositionen aus. Das Studium der Oboe war an der Pietà ab 1707 hauptamtlich besetzt, und wahrscheinlich schneiderte Vivaldi einige Oboenkonzerte einer Schülerin auf's Doppelrohrblatt, die als "Pellegrina" bis zu ihrem Tod mit 77 Jahren in den Unterlagen geführt wird. Eines seiner Konzerte für Fagott gefiel dem Roten Priester offenbar so gut, dass er es (heute unter der Ryom-Verzeichnisnummer RV450) dem Oboenklang und -spielweise anverwandelte, um dann denselben Ohrwurm nochmal 1735 einer Arie seiner Oper "Griselda" zu unterlegen, so dass sich die Melodie wie musikalische DNA gleich durch mehrere seiner Schöpfungen zieht. Xenia Löffler, Oboistin der Akademie für Alte Musik Berlin, hat mit ihren Kollegen ein Album eingespielt, dass der Blütezeit ihres Instrumentes in der Serenissima des 18. Jahrhunderts nachspürt, in Werken Vivaldis, Marcellos, Portas, ergänzt um eine Neuschöpfung in barockem Geiste von Uri Rom. Und man muss ihr recht geben - so spielerisch virtuos und zugleich seelenvoll wie in den Palazzi am Canale Grande klingt die Oboe in den Konzerten der folgenden Jahrhunderte so schnell nicht wieder.