Licht und auch Schatten in den beiden neuen Folgen von Gardiners "Bach Cantata Pilgrimage", jener live mitgeschnittenen Tour de Force aus dem Jubiläumsjahr 2000: Teil 5 bringt ein ziemlich maues Konzert aus der Christkirche in Rendsburg, bei dem sich der Bassist Brindley Sherratt recht unkonturiert durch die Arie "Gleichwie die wilden Meereswellen" (BWV 178) tremoliert. Auch Altkollege Robin Tyson hat in "Es kömmt ein Tag" (BWV 136) nicht viel mehr Erfolg: Es war definitiv nicht sein Tag, auch nicht der von Chor und Orchester, die auf der langen Reise oft um Klassen besser musiziert haben. Das ist verzeihlich bei so einem Projekt, aber gesagt werden muss es dennoch. Ganz anders die zweite CD dieser Box, aufgenommen im Braunschweiger Dom: Gotthold Schwarz, obgleich eher Bariton als Bass, schlägt sich in den bewegten Sturm- und Zornesarien aus BWV 46 und BWV 101 weit besser als Sherratt. Hervorragend gelang dem Ensemble der abgründige Eingangschor aus BWV 101 mit seiner verstörenden chromatischen Seufzermotivik. BWV 46 spricht für sich, enthält diese Kantate als Eingangschor doch die Urfassung des "Qui tollis" der h-Moll-Messe, komponiert auf einen Text aus den Klageliedern des Propheten Jeremia.

Ganz at it's best präsentiert sich Gardiners Crew dagegen in Folge 17 mit zwei Konzerten aus der Berliner Gethsemanekirche: Mit der aus früheren Folgen bekannten leidenschaftsunterfütterten Brillanz agieren Chor und Orchester etwa im Eingangschor von "Lobe den Herrn, meine Seele" (BWV 143). Unter den Solisten sind hier wieder der markante Tenor James Gilchrist und der schier unverwüstliche und wohltimbrierte Bassist Peter Harvey, zwei Sänger, mit denen zusammen Gardiner stets hervorragende Interpretationsleistungen zuwege gebracht hat – auch hier eine reine Freude! Ein Höhepunkt dieser Folge ist ohne Zweifel die Duettkantate "Ach Gott, wie manches Herzeleid" (BWV 58) mit Harvey und Ruth Holton.

Michael Wersin, 03.07.2009




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