Wenn der Gefühlshaushalt mal wieder verrückt spielt und man nicht weiß, wohin mit dem Rasen und Seufzen, der niederschmetternden Verzweiflung und dem flehenden Hoffnungsblick – ja, dann sollte man sich unbedingt den komponierenden Nachfahren von Pygmalion anvertrauen. Und was haben die Rameaus und Glucks, die Cherubinis und Berlioz' nicht alle mit ihren Notenmeißeln und –hämmerchen für ein geschicktes Händchen bewiesen, um den Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs das notwendige Ventil an die Hand zu geben. Ob nun die Karthager-Königin Didon in Niccolò Piccinnis gleichnamiger Trágedie lyrique, ob die unglücklich verliebte Prinzessin Herminie in den Opern von André Gretry und Juan Crisostomo de Arriaga oder die selbstlose Alceste bei Gluck – wenigstens für wenige Minuten können all diese tragischen Heldinnenfiguren ihrem Frust und ihrem Leid freien Lauf lassen. Und in der Sopranistin Véronique Gens haben sie genau diesen Resonanzkörper gefunden, der jeden noch so tonnenschweren Druck aushält und dabei mit sprachlich-artikulatorischer Subtilität sowie emotionaler Unmittelbarkeit die ganze Dramatik umsetzt.
Nach dem erfolgreichen "Tragédiennes"-Rezital, das Véronique Gens mit Christophe Rousset und Les Talens Lyriques vor drei Jahren vorgelegt hat, folgt nun also der zweite Teil. Und wieder stehen vorrangig die Seelenwunden im Mittelpunkt, die den französischen Opernbetrieb des 18. Jahrhunderts in Atem hielten. Gens zeigt sich mit ihren extrovertierten Pointen und ihren empfindsamen Barockseufzern ("Triste séjour" aus Rameaus "Les Paladins") wie erwartet als exzellente Gefühlsdarstellerin. Christophe Rousset hat dagegen im Vergleich zu seinen oftmals nur akkurat geschliffenen Einspielungen die Spannungsschrauben jetzt noch eindringlicher angezogen – und so dampft und blitzt es heftig allein schon beim Auftritt der Furien in Glucks "Orphée et Eurydice".

Guido Fischer, 10.07.2009



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