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DADA Republic!

Stephan Max Wirth Ensemble

Bos Rec/Jaro BOSREC222-08
(63 Min., 11/2006) 1 CD, + DVD

Ist das jetzt schon die Reaktion auf die deutsche Rekord-Staatsverschuldung? Am Ende der Aufführung von "DADA Republic" rufen verkleidete Tänzer dem Publikum jedenfalls aufrüttelnd zu: "Ich bin pleite, du bist pleite, wir sind pleite!" Es ist allerdings purer, aber auch ein nicht ganz unglücklicher Zufall, dass Stephan-Max Wirths 2006 beim Berliner JazzFest uraufgeführtes Tanz-, Film- und Jazz-Gesamtkunstwerk ausgerechnet jetzt als CD- und DVD-Paket mit ausführlichem Booklet erscheint.
"DADA Republic" basiert auf einem lange Zeit unbeachtet gebliebenen Drehbuchentwurf des flämischen Dadaisten Paul van Ostaijen, der sich Anfang der Zwanzigerjahre in Berlin die Rettung der Welt mit den improvisatorischen Mitteln des frühen Jazz imaginierte. Der Saxofonist Stephan-Max Wirth hat aus dieser Vorlage adäquat etwas sehr Modernes gemacht – einen multimedialen Brückenschlag zwischen verschiedenen Genres. Deshalb ist der DVD eindeutig der Vorzug zu geben vor der CD, auf der der freundliche Siebzigerjahre-Jazz mit waberndem E-Piano, bissiger Gitarre und geschmeidigem Tenorsaxofon zuweilen ein wenig nach Klaus Doldingers Passport klingt.
Was ja nicht schlimm ist. Aber seine volle Wirkung erreicht das Crossover-Projekt erst auf dem Bildschirm. Solisten des BallettKiel reagieren ausdruckstänzerisch – mal sehr genau choreografiert, mal improvisiert – auf die Musik. Eine kluge Farbregie auf der Bühne und eingespielte Videosequenzen, die an Stummfilme oder an die Bilder von Anna und Bernd Blume gemahnen, komplettieren das Ereignis "DADA Republic". Auch wenn das Ergebnis weit weniger wild und durchgedreht ist, als man es vom Dada-Irrsinn alter Schule gewohnt ist – wenn Charlie Chaplin am Ende zum Finanzminister erklärt wird, ist man sich irgendwie sicher, dass die derzeitige Realität kaum absurder sein könnte.

Josef Engels, 10.07.2009



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