Responsive image
Johannes Brahms

Ein deutsches Requiem

Susan Gritton, Hanno Müller-Brachmann, Choir of King’s College Cambridge, Stephen Cleobury

EMI 366 948-2
(65 Min., 4/2006) 1 CD

Johannes Brahms’ eigenhändig angefertigte vierhändige Klavierversion des Orchestersatzes seines "Deutschen Requiems" ist nicht einfach eine Not- oder Billiglösung für das Musizieren des großen Werks in kleinem Kreis; sie präsentiert sich vielmehr als das höchst geglückte Ergebnis eines für Brahms selbst qualvoll mühsamen Bearbeitungsprozesses, den er keinesfalls aus der Hand geben wollte. Folglich hat der Klaviersatz – er ist seit dem Jahr 2004 bereits in einer Aufnahme des Ensembles "Accentus" unter Laurence Equilbey zu bewundern – typisch brahms’sche Qualität, die ihn in den Rang eines Kunstwerks erhebt. In der Klavierfassung erklang das Stück auch erstmals in England, und zwar im Jahre 1871 im Privathaus der Lady Whimpole unter Leitung des von Brahms geschätzten Baritons Julius Stockhausen.
So stellt also die Klavierfassung des Requiems keine Neuheit auf dem CD-Markt dar – und die ungewöhnliche Besetzung mit einem Knabenchor tut dies, genaugenommen, auch nicht: Beim Label Archipel erschien letztes Jahr eine historische Einspielung der Leipziger Thomaner unter Günther Ramin. Es sei jedoch mit aller Deutlichkeit gesagt, dass die brillante Leistung des "Choir of King’s College" diese Neuaufnahme dennoch zu einem absolut hörenswerten Produkt macht: Abgesehen von kleineren, knabenchortypischen Schwächen wie der leichten klanglichen Mattigkeit unmittelbar nach dynamischen Höhepunkten oder der im Vergleich zum Frauenchorklang nicht so offenen, runden und körperhaften Tongebung vor allem in der ganz hohen Lage machen diese hervorragend geschulten englischen Knaben ihre Sache wahrhaft vorzüglich. Die Solisten hingegen hinterlassen gemischte Gefühle: An Hanno Müller-Brachmanns verquollenen, unfreien Gesang hat man sich mittlerweile gewöhnen müssen. Erfreulicher dagegen Susan Gritton, die die schwierige Soprannummer "Ihr habt nun Traurigkeit" nicht völlig makellos, aber doch mehr als solide bewältigt.

Michael Wersin, 19.05.2007



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top