Joseph Haydn, Luigi Boccherini

Streichquartette, Quintette für Gitarre und Streichquartett

Rolf Lislevand, Nina Corti, Carmina Quartet

Sony Classical 88697 46117-2
(71 Min., 3/2009) 1 CD

 

Zwei Aufnahmen mit dem norwegischen Lautenisten und Gitarristen Rolf Lislevand, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten. Hier die mit "Diminuito" betitelte Beschäftigung mit der im 16. Jahrhundert aufkommenden Kunst der instrumentalen Improvisation über Gesangskompositionen. Bei der zweiten Einspielung hingegen steht Luigi Boccherini im Zentrum. Mit seinen beiden wohl berühmtesten Quintetten, mit denen der Italiener musikalisch das nächtliche Treiben in Madrid einfing und überhaupt der spanischen Folklore seine Reverenz erwies. Schon im "Fandango" des D-Dur-Quintetts für Streicher und Gitarre steckt bereits dieser Geist der Spontaneität, dieses Feuer der Fantasie, das sich wie ein roter Faden durch die reiche "Diminuito"-Welt der Verzierungen und Rhythmen zieht.
Bei seinen Projekten erweist sich Rolf Lislevand einmal mehr als einfallsreiches wie virtuoses Doppeltalent auf der Laute und der Gitarre – womit er nun endgültig in die Fußstapfen des Engländers Julian Bream getreten ist. Und ebenso wie dieser weiß Lislevand seine Mitstreiter nicht nur zu inspirieren, sondern mächtig anzuspornen. So bilden er und das Carmina Quartett allein im "Fandango" einen teuflisch tänzerischen Kreisel, der aber trotz der peitschenden Kastagnetten Nina Cortis nie aus dem Gleichgewicht kommt. Stramm und stolz marschiert man danach – im Finale von Boccherinis Quintett "La musica notturna delle strade di Madrid" – auf, nachdem man mit verführerisch-ariosen Zaubertönen berühren und punkten konnte. Eingerahmt werden die Quintette Boccherinis passenderweise von zwei Streichquartetten Joseph Haydns ("Serenade" Hob. III: 17, "Der Reiter" Hob. III: 74), in denen eine ähnlich geistvolle Volkstümlichkeit mitschwingt. Mehr als nur eine Spur urwüchsiger geht es dagegen in den Stücken von Italienern (Francesco da Milano), Spaniern (Diego Ortiz) und Engländern (Thomas Robinson) zu. Sie alle fantasierten in der Renaissance anspruchsvoll und zugleich mitreißend über Kunst- und Volkslieder – ja, sie machten gleichsam als Urväter des Jazz aus den einfachsten Melodien komplexe Kunstwerke. Rolf Lislevand hat mit seinem Alte-Musik-Team, zu dem auch zwei Sängerinnen des Trio Mediaeval zählen, diese zukunftsweisende Aufführungspraxis aber nicht einfach rekonstruiert. Er hat sie zu neuem Leben erweckt.

Guido Fischer, 14.11.2009




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