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Impressions Of New York

Rolf Kühn, Joachim Kühn

MPS/Universal 532 2757
(31 Min., 7/1967) 1 CD

Der Kenner schaut verdutzt und schüttelt den Kopf, weiß er doch, dass es sich bei "Impressions of New York" um eine Sammlerrarität handelt, nämlich um das einzige Album, das deutsche Jazzmusiker für das legendäre Impulse-Label einspielten. Das war damals eine Sensation: Joachim Kühn, der 23-jährige Sturm-und-Drang-Energetiker am Klavier, und sein 15 Jahre älterer Bruder, der Klarinettist Rolf, der als einstiger Mitarbeiter und zeitweiliger Stellvertreter von Benny Goodman höchste Anerkennung genoss, wurden von John Coltranes Label aufgenommen! Und das mit Coltranes Bassisten Jimmy Garrison – aber eben mit einer europäischen Weißnase, Aldo Romano, am Schlagzeug!
Warum nur muss die Wiederveröffentlichung unter dem krampfig umgedeuteten Labelkürzel von MPS zu Most Perfect Sound laufen, wo doch MPS eigentlich für "Musikproduktion Schwarzwald" steht und für sich längst Kult ist? Muss der Sammler auf den typischen Impulse-Albumrücken verzichten, weil der Zusammenhang mit der ersten Rolf-und-Joachim-Kühn-Quintett-LP, die ein halbes Jahr vorher tatsächlich für Hans Georg Brunner-Schwers SABA/MPS mit Karlhans Berger am Vibrafon entstanden war, hergestellt werden soll (Transfiguration, MPS/Universal 272 2478)? Wie dem auch sei, die Republikflucht Joachims, die 1965 zur Wiedervereinigung der beiden Brüder führte, hatte eine Wirkung, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Der höchst renommierte Klarinettist spielte nun mit seinem jüngeren Bruder Free Jazz und befreite so diese Musik vom Ruche der Scharlatanerie. Das New Yorker Album, entstanden kurz nach dem Tod John Coltranes, atmet den Geist dessen Spätwerkes und gemahnt trotz der Quartettbesetzung an die genialen Duo-Einspielungen mit Rashid Ali. Deutlich kruder kommt das ursprüngliche SABA/MPS-Album daher, auch wenn immer wieder arrangierte Zwischenpassagen die flirrenden Tontrauben strukturieren. Das liegt auch am Sound: Romanos Beckenarbeit klingt nach Dengelei, und es gibt verzerrte Vibrafontöne – die Aufnahmen entstanden auch nicht im für Most Perfect Sound berühmten, inzwischen denkmalgeschützten MPS-Studio in Villingen.

Thomas Fitterling, 16.01.2010



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