Ende der 60er Jahre begann Benjamin Britten mit der Arbeit an seiner vorletzten Oper "Owen Wingrave". Wie knapp 15 Jahre zuvor im Fall von "The turn of the screw" basiert das Libretto auf einer Geschichte von Henry James, bearbeitet von Myfanwy Piper; eine weitere Parallele zwischen den Plots beider Werke ist die Einflussnahme Verstorbener auf das diesseitige Leben. Britten konzipierte "Owen Wingrave" sowohl als Fernseh- wie auch als Bühnenstück; die erste Verfilmung ging der Bühnenpremiere voraus und wurde 1971 erstmals ausgestrahlt. Das Sujet ist die Auseinandersetzung des Abkömmlings einer der Tradition hingegebenen englischen Familie mit der Vergangenheit: Anders als all seine männlichen Vorfahren will Owen keine militärische Laufbahn einschlagen. Seine Weigerung provoziert eine erschütternd hasserfüllte Reaktion seiner Familie und seiner Braut. Auf dem Landsitz der Wingraves kommt es schließlich zu einer Konfrontation Owens mit der düsteren familiären Vergangenheit: Ein Vorfahre, der seinen kleinen Sohn wegen angeblicher Feigheit beim Kriegsspiel totschlug und anschließend selbst auf geheimnisvolle Weise umkam, geistert seit diesem Vorfall gemeinsam mit seinem misshandelten Sohn durchs Haus. Wingrave lässt sich von seiner Braut zu einer Mutprobe treiben und übernachtet in dem Zimmer, das einstmals der Schauplatz jener Geschehnisse gewesen war. Nach wenigen Stunden wird er tot aufgefunden. Das Hereinbrechen der Sphäre des Übernatürlichen scheint in diesem Stück, in dem zunächst durchaus diesseitig disputiert und gestritten wird, zunächst etwas unpassend; allerdings hat schon die beklemmende Verkrampfung und Traditions-Befangenheit der Familie, von Britten äußerst eindrücklich in Szene gesetzt, etwas Gespenstisches; es ist im wahrsten Sinne des Wortes der Geist einer unreflektierten, zwanghaft ins Jetzt transportierten Vergangenheit, an dem Wingrave scheitern muss.
Die vorliegende Verfilmung ist nicht jene 1970/71 entstandene, sondern eine neue Version mit durchweg hervorragender Sängerbesetzung: Gerald Finley in der Titelpartie verkörpert den jungen, selbstbewussten Rebellen mit seiner männlich-warmen, markanten Baritonstimme engagiert und leidenschaftlich. Charlotte Hellekant als Kate (Wingraves Braut) überzeugt gleichermaßen durch stimmliche Präsenz wie auch durch darstellerische Intensität: Mit eisiger Kälte und Verachtung quittiert sie die Lebensentscheidung ihres Bräutigams. Josephine Barstow als zeternde, bis zum Hass verhärtete Miss Wingrave bildet einen überzeugenden Kontrapunkt zu Peter Savidge als Spencer Coyle, Wingraves Lehrer an der Militärakademie, der mit seinem väterlichen Verständnis für Wingraves Position in diesem Drama zu den wenigen Figuren mit menschlichen Regungen zählt. Die gelungene Opernverfilmung wird sinnvoll ergänzt durch ein etwa einstündiges Britten-Porträt mit reichhaltigem dokumentarischen Material, in dem außerdem viele Zeitgenossen zu Wort kommen.

Michael Wersin, 24.04.2004



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