Dominique Delouche

Maya: Portrait Of Maya Plisetskaya

Maya Plisetskaya

VAI/Codaex VAI 4489
(84 Min., 1999) 1 DVD

 

Sie war eine große Streitbare, mit dem Mund, vor allem aber mit den Füßen. Deshalb hat die so einzigartige wie temperamentvolle Maya Plisetskaya jetzt nicht nur ihre kontroversen Memoiren von 1993 um die Chronologie der nachfolgenden Zeiten bereichert ("Haltung bewahren – Zornige Aufzeichnungen", Schott Verlag), es erscheinen auch weiterhin jede Menge ihr gewidmete DVDs. Darunter ist ein materialreiches und charmantes Porträt des bedeutenden Ballettdokumentaristen Dominique Delouche von 1999. Wie immer in Cardin gekleidet, erzählt sie gefühlvoll dramatisch ihr ebensolches Leben, angefangen von ihren Eltern, die unter Stalin zu leiden hatten, über ihren dornigen, von vielen Funktionärshindernissen begleiteten Karriereweg, die entscheidenden Begegnungen mit ihrem Mann, dem Komponisten Rodion Schtschedrin oder Maurice Béjart, der ihre erstaunliche, erst mit 71 Jahren beendete Karriere noch einmal künstlerisch verlängerte. Die Plisetskaya – sportiv, technisch gestählt, ausdruckstark und pathetisch – war eigentlich stilistisch ihrer Zeit voraus. Und sogar choreografiert hat sie; mit "Anna Karenina" (1972), "Die Möwe" (1980) und "Die Dame mit dem Hündchen" (1985) griff sie nicht ungeschickt auf erzählerische Heiligtümer von Tolstoi und Tschechow zurück, mit sich selbst in der Hauptrolle und ihrem Mann als gemäßigt modernen, aber spannungsreichen Partiturenlieferanten. "Anna Karenina" und "Die Möwe" liegen jetzt auf DVD vor, Erstere technisch miserabel, aber mit einer fulminanten 55-Jährigen in der ihr nichts schenkenden Hauptrolle der gefallenen, von der Gesellschaft fallen gelassenen Frau. Und selbst in der (um eine lohneswerte Einführung bereicherten) Tschechow-Adaption, in der sie nicht etwa die alternde Schauspielerinnenglucke tanzt, sondern die junge Schauspiel-Elevin Nina, ist sie unbedingt glaubwürdig. Mag auch das Drumherum etwas verschmockt sein, die Pas de deux atmen treffsicheren Theaterinstinkt und zeichnen ehrlich von ihren Leidenschaften ein wenig dauerdurchgeschüttelte Persönlichkeiten.

Matthias Siehler, 20.03.2010




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