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Dieterich Buxtehude

Ciaccona: Il mondo che gira

María Cristina Kiehr, Victor Torres, Stylus Phantasticus

Alpha/Note 1 047
(60 Min., 11/2002) 1 CD

Il mondo che gira: Dass die Welt sich - um sich selbst - dreht, ist schon lange kein Geheimnis mehr, auch zur Zeit Buxtehudes war es schon bekannt. Allerdings pflegte man solch nüchterne astronomische Erkenntnisse vor dem Hintergrund eines theozentrischen Weltbildes zu betrachten, in dem die ewig in sich selbst kreisende Schöpfung mit ihren vielen zyklischen Verläufen auch auf mikrokosmischer Ebene eben wegen ihres permanenten Kreisens letztlich Erlösungsbedürftigkeit aufweist. Die variierte Wiederkehr des ewig Gleichen ist, im Blick auch auf ein einstiges Enden dieser Zyklen in ferner Zukunft, dem barocken Musiker ein Sinnbild für die Geschöpflichkeit seiner selbst und seines Kosmos’. Sie gelangt unmittelbar einleuchtend zur Umsetzung in Form der Chaconne oder Passacaglia, deren Hauptmerkmal eine stets wiederholte Bassfigur ist, über welcher der Komponist sein melodisches, kontrapunktisches und auch harmonisches Können möglichst abwechslungsreich zu entfalten hat.
Das Ensemble "Stylus phantasticus" hat dieser musikalischen Form in der Vokal- und Instrumentalmusik Dieterich Buxtehudes nachgespürt und sie in vier Sonaten, einer Passacaglia und einer Ciaccona für unterschiedliche Streicherbesetzungen gefunden. Die Musiker dieser CD spielen Buxtehudes Werke extrovertierter, schlanker, virtuoser und mit größerer Lust am Verzieren als jenes Ensemble um John Holloway, das Buxtehudes Kammermusik für das Label Marco Polo aufgenommen hat; auch gewinnt die Continuo-Partie maßgeblich durch Hinzuziehung bzw. kreative Einbindung von Lauteninstrumenten. Im Zentrum des symmetrisch angeordneten Programms findet sich als "special guest" Buxtehudes Zeitgenosse Dieterich Becker ebenfalls mit einer Sonate vertreten; den Rahmen bilden zwei Vokalwerke Buxtehudes, selbstverständlich ebenfalls mit ostinatem Bass. "Herr, wenn ich nur dich hab’" wird von María Cristina Kiehr unvergleichlich schön, elegant und organisch vorgetragen, "Quemadmodum desiderat cervus" gelingt Victor Torres im Vergleich dazu nicht ganz so überzeugend: aspirierte Koloraturen und eine nicht ganz reibungsfreie Führung der Stimme in der Höhe irritieren gelegentlich und überlagern dann die ansonsten ausdrucksvoll-textnahe Gestaltung. Ungeachtet dieser kleinen Einschränkung möge diese großartige CD trotz der unweigerlichen Vergänglichkeit alles Geschaffenen noch bei vielen Drehungen unseres Planeten dabei sein: Sie macht viel Freude und weist dank ausführlichem, aspektreichem Beihefttext gleichzeitig weit über sich selbst hinaus.

Michael Wersin, 08.05.2004



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