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Dieterich Buxtehude

Membra Jesu nostri

Anne Grimm, Johannette Zomer, Peter de Groot, Andrew Tortise, Bas Ramselaar, Niederländische Bach-Gesellschaft, Jos van Veldhoven

Channel Classics/harmonia mundi CCS SA 24006
(72 Min., 11/2005) 1 CD

Dies ist nicht die erste Neuaufnahme von Dieterich Buxtehudes siebenteiligem Kantatenzyklus "Membra Jesu nostri" im Vorfeld des Buxtehude-Jahres 2007 - und es wird auch nicht die letzte sein. Aber das schadet nicht: So lernt man dieses wundervolle Zeugnis Vorbach'scher Kantatenkunst in immer neuen Facetten kennen. Und neue Facetten haben Jos van Veldhoven und sein durchweg solistisch besetztes Ensemble in der Tat parat. Besonders die Instrumente bieten ein Maximum an Elaboration des Satzes, was freilich nicht zwangsläufig auch immer ein Optimum sein muss: Man mag ein Fragezeichen setzen wollen, wenn etwa einer jener Chorsätze, die die Kantaten einleiten und an ihrem Ende praktisch wörtlich wiederholt werden, in zwei ganz unterschiedlichen Affekten vorgetragen werden (so geschieht es mit "Quid sunt plagae istae", das zunächst empört, dann meditativ-versunken erklingt). Bei den Instrumentalritornellen, die sich jeweils an die Binnensätze anschließen, ist das Vorgehen der ganz unterschiedlichen Beleuchtung desselben musikalischen Materials in dieser Aufnahme hier Gang und Gäbe; hinzu kommt ein hohes Maß an Verzierungen (Triller, Vorhalte, Vorschläge, Diminutionen) in den Violinen und eine große Verzierungsfreudigkeit der Continuospieler (oft doppelt besetzt mit Orgel und Laute). Wer die Kantaten gut kennt, profitiert von diesem kreativen, ideenreichen Umgang mit der Musik, der zweifellos aufs Vielfältigste mit der im Text vorfindlichen mystischen Versenkung in den betrachteten Gegenstand (Christi Wunden) korrespondiert; allerdings fragt man sich gelegentlich, ob die Technik des Variierens nicht zunächst die Präsentation der unvariierten Grundsubstanz erfordert, die hier häufig ungehört bleibt. Auch werden die kleinen liedhaft-ariosen Gebilde innerhalb der Kantaten schnell überladen, wenn man ihnen mehr entlocken möchte, als sie vielleicht enthalten - womit wir bei den Sängern wären: Auf vokaler Ebene gelingt jener explizite Interpretationsansatz der tief schürfenden Ausgestaltung jedes Einzelaspektes nicht immer ganz glücklich; vor allem bei Peter de Groot, dem Altisten, divergieren Anspruch und Ergebnis deutlich, aber auch bei den beiden Sopranistinnen (Anne Grimm und Johannette Zomer) wird man in dieser Hinsicht nicht immer ganz glücklich. Am besten glücken eigentlich die Chorsätze: Das Ensemble agiert hier klanglich sehr ausgewogen und dicht und bringt es zu bemerkenswerter Expressivität. Bleibt zu konstatieren: Dies ist eine besondere Einspielung der "Membra", bei der die Interpreten mehr als gewöhnlich wagen und permanent "Farbe bekennen"; das macht ihre Leistung zwar angreifbar, bringt dem Hörer das Stück mitsamt seinen scheinbar unerschöpflichen Möglichkeiten der Verwirklichung (man denke allein an die nicht festgelegten Temporelationen!) aber ein großes Stück näher.

Michael Wersin, 23.06.2006



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