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Frédéric Chopin, Alexander Skrjabin

Préludes

Michèle Gurdal

Kaleidos/Medienvertrieb Heinzelmann KAL63112
(144 Min., 10/2009) 2 CDs

Johann Sebastian Bachs "Wohltemperiertes Klavier" ist das berühmteste Frühbeispiel für einen Klavierzyklus, der systematisch das gesamte Tonartenspektrum abdeckt. Das faszinierende Konzept fand eine Menge Nachahmer. Unter ihnen sind auch Frédéric Chopin und Alexander Skrjabin, die jeweils einen 24-teiligen Zyklus von Préludes präsentierten. Man darf davon ausgehen, dass die 60 Jahre nach Chopins Opus entstandene Sammlung Skrjabins gleichermaßen durch Bach wie auch durch Chopin inspiriert ist.
Spannend ist es zu belauschen, mit welchen musikalischen Gesten, Gestalten und Farben die Komponisten jeweils die äußere Form des Tonartenzirkels füllten. Welche Assoziationen weckte C-Dur, welche Empfindungen evozierte dagegen etwa es-Moll in Chopin bzw. Skrjabin? Weil die Wanderung durch die Tonarten nicht nur in jedem der Zyklen für sich interessant ist, sondern auch zu einer unmittelbaren Gegenüberstellung anregt, hat man sich für Michèle Gurdals Einspielung der beiden Zyklen ein besonderes editorisches Konzept überlegt: Der Hörer bekommt zwei CDs in die Hand. Auf der ersten erklingen die beiden Zyklen hintereinander, und auf der zweiten sind dieselben Préludes so angeordnet, dass die jeweils tonartgleichen Stücke direkt aufeinanderfolgen. Eine gute Idee, die einen durchaus lohnenswerten Mehraufwand bedingt – tatsächlich erschließen sich Chopins und Skrjabins Préludes durch die beiden unterschiedlichen Arten der Anordnung auch auf unterschiedliche Weise.
Dass man bei dieser Produktion von einem Erfolg sprechen darf, ist natürlich nicht nur ein Ergebnis des editorischen Konzepts. Im Vordergrund steht vielmehr die Leistung der belgisch-japanischen Pianistin Michèle Gurdal, die sich tief in die Welt der beiden Zyklen eingelebt hat und eine nicht nur technisch vollendete, sondern gleichermaßen auch interpretatorisch ausgefeilte Leistung erbringt. Ihre Spezialität sind die weiten Klangräume, die viele der Préludes dem Hörer eröffnen. Gurdal ermöglicht durch ihre ebenso sensible wie zupackende Darbietung das tiefe Eintauchen des Hörers in die Stimmungswelten solcher Stücke. Sie entlockt dem verwendeten Schimmel-Konzertflügel (!) ein erstaunlich breites Farbenspektrum und glänzt dabei gleichzeitig durch den sicheren Zugriff auf das "Kantabilitätspotenzial" der Stücke: Die melodischen Bögen werden souverän ausgespannt und differenziert ausgeleuchtet. Kurzum: Michèle Gurdal vermittelt dem Hörer ein eindrucksvolles Erlebnis romantischer bzw. nachromantischer Klavierkunst.

Michael Wersin, 10.07.2010



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