Schon fies für Rolando Villazón: Weil der Tenore appassionato in den letzten zwei Jahren hauptsächlich durch seine Stimmkrise von sich reden gemacht hat, hört man jede seiner Aufnahmen automatisch nach akustischen Krankheitssymptomen ab. Und natürlich sind auch in seinem Londoner Don Carlo diese angeschmauchten Spitzentöne da, an denen man herummäkeln könnte. Aber stören sie wirklich? Oder passen sie nicht sogar ganz gut zu diesem stolzen Spanierprinzen, der sich vor unerfüllter Liebe verzehrt? Als Darsteller ist Villazón ohnehin der beste Carlo von allen: Die Sehnsucht nach menschlicher Wärme, die hochfliegenden Visionen, aber auch die Unfähigkeit zu entschlossenem Handeln – mit Villazón wird der Infant mit der komplexen Psyche tatsächlich zur Hauptfigur des Dramas.
Drumherum hatte Covent Garden eine erstklassige Besetzung versammelt: Simon Keenlyside ist zwar kein klassischer Verdi-Bariton, aber mit seinem trotzigen Heroismus ein glaubwürdiger Posa, Marina Poplavskya singt eine bewegende Elisabetta mit zarten Kantilenen, Altmeister Ferruccio Furlanetto gibt seinem Filippo resignative Würde und Sonia Ganassis Eboli überzeugt als ordinäres Weibsbild. Bei Antonio Pappano liegt Verdi ohnehin in guten Händen: Feinnervig und farbenreich findet sein "Don Carlo" einen goldenen Mittelweg zwischen italienischer und französischer Oper. Dazu inszeniert der britische Schauspielprofi Nicholas Hytner Mantel-und-Degen-Verdi, der auch vor vierzig Jahren nicht anders ausgesehen hätte. Nicht schlimm, aber auch nicht weiter wichtig. Erschreckend nur, dass auch das Royal Opera House inzwischen offenbar so knapp bei Kasse ist, dass es sich nur schäbige Bühnenbilder leisten kann. Wenn schon Kostümschinken, dann bitte richtig!

Jörg Königsdorf, 06.11.2010



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