Ein weiteres Dokument für John Eliot Gardiners kompetenten, profilierten und durchaus individuellen Zugriff auf die Musik Johann Sebastian Bachs, live aufgenommen an zwei nachösterlichen Sonntagen des Bachjahres 2000 (zu denen auch die meisten der hier versammelten Kantaten gehören) im Rahmen der Cantata Pilgrimage. Als Solisten hören wir hier größtenteils andere als in den zuletzt erschienen Folgen: Der Bassist Stephen Varcoe präsentiert sich mehrfach und ausführlich als Hirte und Friedensbotschafter; seine Bemühungen gipfeln in einer eigenwillig langsamen und ruhigen (eben friedvollen) Version der schwierigen Solo-Kantate BWV 158 "Der Friede sei mit dir", die Varcoe mit seiner nicht ganz unproblematischen Technik sehr atmosphärisch zu gestalten versteht – eine Gratwanderung, ein Wagnis, aber hörenswert, ebenso wie auch seine Eröffnungsarie in BWV 85 "Ich bin ein guter Hirt". Daniel Taylor erweist sich als agiler, sensibler und um des Ausdrucks Willen durchaus risikofreudiger Tenorsolist u. a. in "Mein Jesus ist erstanden" aus BWV 67. Sein Kollege Norbert Meyn hingegen, der im zweiten der Konzerte zum Einsatz kommt, vermag seine Stimme nicht mit gleichem Erfolg zu fokussieren – er singt sich in der Arie "Seht was die Liebe tut" aus BWV 85 nicht wirklich frei. Gardiners Monteverdi Choir zaubert auf seine unverwechselbare Weise u. a. im Eingangschor von BWV 104 "Du Hirte Israel, höre", in dessen mittleren Partien die offen gelegenen geringstimmigen Passagen mit atemberaubender Delikatesse gestaltet werden, immer so wie wir es von Gardiner kennen und schätzen, im Dienste eines möglichst innigen und Fruchtbaren Zusammenspiels zwischen geistlichem Text und der ihm in ihrer stupenden Vielfältigkeit doch so hingebungsvoll zugeneigten Musik Johann Sebastian Bachs.

Michael Wersin, 01.12.1999



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