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Benedetto Marcello

Salmi Vol. 1

Gli Erranti, Alessandro Casari

Stradivarius/Klassik Center STR 33679
(60 Min., 6/2003)

Die Stärke dieser CD: das außergewöhnliche, sehr selten zu hörende Repertoire. Ihre Schwäche: das qualitativ nicht ausgewogene Ensemble. Das Dilemma: Es gibt außer der vorliegenden derzeit nur eine weitere Einspielung von Psalmvertonungen Benedetto Marcellos, und die beiden CDs sind in der Auswahl der Psalmen nicht deckungsgleich. So bleibt dem Hörer, der diese eigenwillige Musik entdecken möchte, kaum eine Wahl. Und das Entdecken lohnt sich. Benedetto Marcello vertonte nämlich eine italienische Prosaübersetzung der ersten fünfzig Psalmen, was an sich zu jener Zeit schon ungewöhnlich war. Hinzu kommt die markante Art der kompositorischen Umsetzung. Marcello bediente sich über weite Strecken zwar des damals schon altmodischen 'stile antico' – der Verzicht auf Streichinstrumente in den Oberstimmen unterstreicht die Rückwärtswendung noch –, fand dabei aber dennoch zu einem ganz eigenständigen Tonfall. Überraschend sind etwa die immer wieder eingeschalteten continuobegleiteten Unisono-Passagen des gesamten Vokalensembles, deren melodische Erscheinungsweise merkwürdig modern ist. Aufregend ist insgesamt die große Nähe zum Text, der mit all seinen Nuancen in der Musik seinen Niederschlag findet – wofür Marcello immer wieder zu originellen kompositorischen Mitteln greift.
So weit, so gut. Aber trotz ihres markanten Repertoires macht diese CD nicht nur Freude. Das Hauptproblem lässt sich mühelos in der Countertenor-Lage lokalisieren und kann wohl am treffendsten mit einer beklagenswerten Verspannung des Zungenbeins, landläufig auch 'Knödel' genannt, beschrieben werden. Hieraus resultieren auch Intonationsprobleme, die das gesamte Gefüge ins Wanken zu bringen vermögen. Naturgemäß tritt dieses Problem im 14. und im 35. Psalm nicht auf, denn die sind für Sopransolo bzw. Tenor und Bass plus Continuo komponiert. So lichtet sich das vokale Dunkel im Verlauf des Programms deutlich. Erfreulich ist vor allem das kraftvolle Bassorgan Walter Testolins, und Sopranistin Elisa Franzetti begeistert durch ihr angenehmes Timbre überall da, wo sie keine Koloraturen zu singen hat. Intonationsprobleme treten indes auch dort auf, wo die pro Stimme doppelt besetzten Ripienisten zu Werk gehen … Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die interpretatorische Umsetzung wird der Qualität der Musik häufig nicht gerecht. Und wenn hier – der Vermerk 'Vol. 1' auf dem Cover lässt dies vermuten – eine Gesamteinspielung geplant ist, dann steht und fällt diese mit einem gründlichen Überdenken der Besetzungspolitik.

Michael Wersin, 22.01.2011



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