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Johann Sebastian Bach

A Strange Beauty

Simone Dinnerstein, Kammerorchester der Staatskapelle Berlin

Sony 88697 727282
(62 Min., 6/2010)

Selbsterfahrungstrip mit Bach: Die vormals unbekannte amerikanische Pianistin Simone Dinnerstein, Schülerin u. a. von Peter Serkin, hat mit einer ganz persönlichen, von tiefem spirituellen Erleben geprägten Interpretation der "Goldberg-Variationen" die Herzen des Publikums im Sturm genommen und wurde über Nacht zu einer Berühmtheit. So etwas, möchte man sofort dazwischenrufen, geht vermutlich nur in Amerika, wo die gründliche Selbstoffenbarung im künstlerischen Tun, highly emotional bis zur Tränenseligkeit, nicht selten mehr zählt als objektive Kriterien, z. B. stilistische. Daher gilt ja vermutlich auch die Kanadierin Angela Hewitt in den Staaten als Bach-Spezialistin. Simone Dinnerstein geht mit ihrer Bach-Performance allerdings deutlich weiter (in rückwärtiger Richtung) als Hewitt: Sie interpretiert Bach-Choralbearbeitungen in Transkriptionen von Busoni, Kempff und Hess, die ja für sich genommen schon Dokumente eines weitgehend versunkenen Bach-Bildes sind, tendenziell noch subjektivistischer, als sie vermutlich gedacht waren. Pedal-Nebelschwaden, manieristisch verwaschener Anschlagshabitus und hypertrophe dynamische Effekte generieren einen emotional aufgemotzten Betroffenheits-Bach der schwersterträglichen Sorte. In den beiden Klavierkonzerten des Programms gibt sich Dinnerstein immerhin deutlich nüchterner. Und dennoch: Vergleicht man etwa beim Finalsatz des d-Moll-Konzerts die vorliegende Darbietung mit derjenigen von András Schiff und den Berliner Philharmonikern (zu sehen auf YouTube), dann fällt unmittelbar auf, wie klebrig Dinnerstein über weite Strecken agiert, wie oft es unnötigerweise mulmt und grummelt, wo eigentlich Spritzigkeit und Klarheit möglich wären. Inwieweit hierfür auch technische Probleme verantwortlich sein könnten, sei an dieser Stelle nur als Frage formuliert. Fazit: Selbstverständlich kann Frau Dinnerstein ihren Bach spielen, wie sie mag. Wenn sie aber zusätzlich im Beiheft-Interview gemeinsam mit einem willigen Stichwortgeber vom Londoner Guardian proklamiert, Bach aus den fetischartigen Fängen einer historisch orientierten Interpretationsweise retten und ihm dadurch seine eigentliche Expressivität zurückgeben zu können, dann sind doch ein paar dicke Fragezeichen anzubringen.

Michael Wersin, 04.02.2011



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