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Ossicles

Karl Seglem

Ozella/Galileo OZ034CD
(55 Min., 2005-2010)

Marxophone – was soll das denn bitte schön sein? Das Lieblingsinstrument von Gesine Lötzsch? Okay, Scherz beiseite. Bei der bundlosen Zither handelt es sich bloß um eines der zahllosen Klangerzeugungsmittel, die der Norweger Karl Seglem in seiner Musik einsetzt. Aber auch wenn es immer wieder spannend ist, in den CD-Erläuterungen über geblasene Ziegenbockhörner mit seltenem Wacholderholz-Blatt, westafrikanischen Jäger-Lauten oder die nordische Hardanger-Fiedel zu lesen, so verkommt der exotische Instrumentenfuhrpark bei Seglem niemals zum Selbstzweck.
Es ist vielmehr so, dass dem Norweger mit seinen Kompositionen durchweg Erstaunliches gelingt: Angetrieben von dem tieffrequent pulsierenden E-Bass Gjermund Silsets versöhnt er die Weltmusik mit dem Mittelaltermarkt, vermittelt zwischen archaischer skandinavischer Folklore und der Jazzrock-Moderne – und das so, dass selbst jene, die normalerweise von Trollen, Gauklern und stampfenden Fiedeltänzen im ¾-Takt Ausschlag bekommen, angenehm überrascht zuhören.
Vielleicht auch deshalb, weil man sich ständig fragt, wo man sich hier eigentlich gerade befindet. "Gammal Rørsle" etwa kombiniert düstere Fjord-Melancholie mit orientalisch anmutenden Gesangsfetzen und einem fröhlichen Schellen-Beat. Noch irrer ist das Zusammentreffen von Jan-Garbarek-Hymnik, Reggae und Tabla-Groove in der Nummer "Mårblå". Extrem spannend auch das Titelstück "Ossicles", in dem Seglems eigentümliche Blasinstrumente auf retrofuturistische Percussion-Attacken antworten.
Wir wollen das mit dem Marxophone ja nicht überbewerten – aber angesichts der Vielfalt der von Seglem eingearbeiteten Versatzstücke aus verschiedensten Teilen des Globus drängt sich der Verdacht auf, es hier in der Tat mit einer originellen norwegischen Antwort auf die "Internationale" zu tun zu haben.

Josef Engels, 05.02.2011



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