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Johannes Brahms

Händel-Variationen op. 24, Rhapsodien op. 79, Klavierstücke op. 118 & 119

Murray Perahia

Sony 88697 727252
(78 Min., 6/2010)

Schön ist es, wenn sich in einer Interpretation die Vielfalt und Vielschichtigkeit des Interpretierten widerspiegelt – wenn man sich an der auf einem Tonträger festgehaltenen künstlerischen Darbietung ebenso wenig müde hört wie an der Musik als solcher. Dies ist der Fall bei Murray Perahias ungemein reifem, ja beinahe schon alterweisem Brahms-Rezital: Brahms ist einerseits noch ein Romantiker und als solcher bisweilen lyrisch, bisweilen dramatisch, dabei wesensbedingt häufig ein wenig gedämpft in seiner Emotionalität. Brahms ist aber auch ein verstandesgesteuerter Konstrukteur: Er entwickelt ganze Stücke aus winzigen Motivbausteinen, er liebt verborgene polyphone Strukturen. Während die Musikwissenschaft eher letzteren Aspekt betont, widmen sich Interpreten seit jeher mit Leidenschaft dem Spätromantiker Brahms. Und Murray Perahia? Er schafft beides in Einem. Den wundervollen Klavierstücken op. 118 und 119 nähert er sich mit verhaltenem Lyrizismus, mit großer Lust am Ausspielen reizvoller Details, gelegentlich auch am Täuschen der Erwartungshaltung – etwa wenn er den Höhepunkt eines Stückes nonchalant ohne viel Aufhebens passieren lässt. Perahia hört sich Stück für Stück aufs Neue tief hinein in den speziellen Klavierklang von Brahms, zelebriert etwa die wundervolle Klangregie in den Rahmenteilen der "Romanze" op. 118/5, deren verspielten Mittelteil er dann übrigens sehr verträumt angeht, fast wie improvisierend. Aber trotz aller Freude am Farbenspiel, trotz einer streckenweise fast versonnenen Interpretationshaltung führt er den Hörer doch auch mit einer unüberhörbaren Strenge durch das Repertoire, lässt ihn niemals vollends versinken im Wohlklang der Musik, macht deren innere Gesetzmäßigkeiten erleb- oder zumindest erahnbar. In diesem Ansatz steckt ein tiefes Verständnis für den Komponisten und wohl auch den Menschen Johannes Brahms; ein Verständnis, dem sicher eine gründliche und jahrzehntelange Auseinandersetzung mit Werk und Schöpfer vorausgegangen ist.

Michael Wersin, 19.02.2011



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