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Live In Germany

Gabriela Montero

EMI 946 7132
(78 Min., 10/2010)

Montero-Mania – schon wieder präsentiert EMI eine CD, die einzig und allein improvisierte Zugaben aus den Rezitals der venezolanischen Pianisten enthält. Das Prozedere: Die Zuhörer werden gebeten, eine Melodie zu singen, Gabriela Montero extemporiert spontan darüber. Im 19. Jahrhundert noch gehörte das Ad-hoc-Improvisieren zum selbstverständlichen Rüstzeug der großen Klaviervirtuosen. Dass die Konzertpianisten heute in dieser Hinsicht so etwas wie eine Lähmung aufweisen, liegt womöglich u. a. daran, dass heute ein gewaltiges Repertoire aus vielen Jahrhunderten retrospektiv und museal aufbereitet wird und die meisten Künstler nicht mehr eine zeitgenössische Tonsprache als aktives musikalisches Ausdrucksmittel parat haben. Dennoch wird auch heute improvisiert: Im klassischen Bereich tun das vor allem Organisten (eine seit dem Frühbarock und darüber hinaus ungebrochene Tradition), ansonsten beruht natürlich der Jazz weitestgehend auf dieser Fertigkeit.
Für die Improvisationen Gabriela Monteros kann sich der Rezensent immer noch nicht begeistern. Was auf diesem Gebiet sonst so geleistet wird und wurde (z. B. in den oben genannten Bereichen), ist häufig einfach vielfältiger, einfallsreicher, kreativer. Freilich verfügt Frau Montero über eine großartige Klaviertechnik, und sie hat das gängige Klavierrepertoire so verinnerlicht, dass sie niemals um prägnante Spielfiguren verlegen ist. Sie zaubert mit leichter Hand etwas dahin, das so ähnlich wie ein Suiten-Eingangssatz von Bach, wie eine klassischer Sonatensatz, wie ein Chopin-Walzer oder auch wie ein lateinamerikanischer Tanz klingt. Gern verfremdet sie die vorgegebenen Melodien: Gershwins "Rhapsody in blue"-Anfangsmotiv wird in ein barockes Klavierstück verwandelt, Bizets "Toreador"-Arie verwandelt sich in eine Samba, "La cucaracha" klingt nach Schumanns "Album für die Jugend". So weit, so unterhaltsam. Aber die ursprünglichen Themen werden meistens so stark eingegrenzt und auf einige Grundmerkmale reduziert, dass die spontane Neubearbeitung etwas Beliebiges hat. Von Rachmaninoffs berühmtem cis-Moll-Prélude verwandeln sich nur wenige Anfangstakte – und von denen bis auf einige harmonische Allusionen im Wesentlichen nur der Rhythmus der drei markanten Viertelnoten – in einen Tango; "Ein Männlein steht im Walde" findet, nach Moll gesetzt, nur mit seiner ersten Melodiezeile Eingang in einen chopinesken Geschwindwalzer, der Mittelteil hingegen bleibt unberücksichtigt. Nicht besonders abwechslungsreich ist auch auf dieser CD wieder die Harmonik, ebenso wenig die Satztechnik – wie gesagt, die gängigen Spielfiguren des barocken, klassischen und romantischen Klavierrepertoires hat Frau Montero parat, sie werden zu Hülsen, die sie mit knappen neuen Motiven füllt. Man kann sich darüber streiten, wie kreativ das ist. Der Rezensent meint: nicht allzu sehr.

Michael Wersin, 12.03.2011



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