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Rætur

Lars Duppler

Ear Treat/Edel 0206178ETM
(63 Min., 6 & 8/2010)

Jazz passt irgendwie nicht zu Island. Diese Erfahrung musste der in Deutschland aufgewachsene Pianist Lars Duppler machen, als er einmal alleine mit dem Auto in der isländischen Heimat seiner Mutter unterwegs war. Miles Davis, so sagt er, habe einfach nicht als Musik für die Fahrt durch die schroffe Landschaft getaugt.
Dieses Erlebnis mag einer der Gründe sein, warum Lars Dupplers inzwischen fünfte CD so ganz anders klingt als die Vorgänger. Mit "Rætur", was so viel wie "Wurzel" heißt, besinnt sich Duppler auf sein isländisches Erbe – und entfernt sich gleichzeitig weit von seinem musikalischen Herkunftsort, der eigentlich im trickreichen Post-Bop liegt. "Rætur" ist ein durch und durch elektrisches Album geworden, mit vielen Effekten, E-Piano, Moog, verzerrter E-Gitarre (Johannes Behr), wunderbar knurrigem E-Bass (Philipp Hardenberg) und klanglich einfallsreichem Rock-Schlagzeug (Jens Düppe).
Allerdings handelt es sich bei der CD trotzdem nicht um eine klassische Jazzrock-Einspielung. Es liegt an dem von Duppler ausgewählten Material, das den Bogen über isländische Traditionals, einem Björk-Song bis hin zu eigenen, volksliedhaft grimmigen Stücken spannt. Und an dieser düsteren Grundstimmung, die sich mal geysirhaft eruptiv, mal leidend leise (wie in den beiden von Petur Ben gesungenen Stücken) entladen kann.
Lustigerweise ist dem in Köln lebenden Pianisten das Kunststück gelungen, genau die Platte zu machen, die man von Islands berühmtestem Jazz-Export niemals zu hören bekäme. Mit dem freundlichen, nach US-Westcoast klingenden Fusionjazz von Mezzoforte hat Dupplers "Rætur" wahrlich nichts gemein.

Josef Engels, 09.04.2011



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