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Franz Liszt

Dante-Sinfonie, Evocation à la Chapelle Sixtine

Wiener Akademie, Martin Haselböck

NCA/harmonia mundi 60234
(59 Min., 10/2010)

Unter den Orchesterkomponisten des 19. Jahrhunderts hat Franz Liszt bislang mit Abstand den schlechtesten Ruf. Auch wenn der Vorwurf, Liszts Assistenten hätten den größten Teil der Orchestrierungsarbeit erledigt, mittlerweile vom Tisch ist, vermitteln die meisten Aufnahmen seiner sinfonischen Dichtungen (Masur, Haitink) eher den Eindruck pauschaler Aufgeregtheit ohne zwingende dramatische Zielrichtung. Insofern ist Martin Haselböcks Aufnahme der "Dante-Sinfonie" auf historischen Instrumenten eine kleine Sensation. Zeigt sie doch, dass Liszt durchaus phantasievoll und suggestiv mit dem Klang eines Sinfonieorchesters umgehen konnte und dass er in Paris viel von Berlioz gelernt hatte. Haselböcks Wiener Akademie ist nur wenig größer als die Weimarer Hofkapelle, die Liszt zur Verfügung stand: Der Klang bleibt immer schlank und besitzt für jede dramatische Situation der "Divina Commedia" eigene Farben. Schon beim spektakulären Beginn mit der Höllenfahrt zeigt sich, wie viel das Stück gewinnt, wenn man tatsächlich alle Instrumente hört und beispielsweise die Posaunen nicht die grundierenden tiefen Streicher verdecken, die die Szene in ein fahles Licht tauchen. Das ist freilich nur das Grundmaterial für eine Interpretation, die das Stück in jedem Augenblick mit Ausdruck erfüllt, die jeder Phrase einen Charakter und damit dem Ganzen eine ungeahnte erzählerische Dichte gibt. So gespielt, könnte sich das bislang im Schatten der "Faust-Sinfonie" stehende Dante-Opus auch im Repertoire durchsetzen. Die Entdeckung des Orchesterkomponisten Liszt hat begonnen.

Jörg Königsdorf, 28.05.2011



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