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Franz Schubert

Sinfonie Nr. 9 C-Dur D 944; Fünf Deutsche Tänze D 89

Budapest Festival Orchestra, Iván Fischer

Channel/harmonia mundi CCS 31111
(70 Min., 6/2010)

Die alten Schlachtrösser sind nicht tot zu spielen. Dem bequemen Glauben konnte man vielleicht noch vor 30 Jahren anhängen, als die erbauliche Sonntagsstimmung am Plattenspieler noch nicht von (allzu viel) 'historisch informierter' Aufführungspraxis gestört wurde. Heute jedoch, wo einem allerorten die 'authentischen' Unruhegeister Ecken und Kanten des ach so wohlig Erhabenen ins Bewusstsein brennen, muss einem Dirigenten schon einiges einfallen, will er mit dem Allbekannten nicht langweilen – auch wenn er kein 'Radikalo' ist. Wie das gelingt, zeigt Iván Fischer bei seiner Channel-Classics-Tour durch die romantische Sinfonik, die nun bei Schuberts "Großer" angekommen ist (wie üblich so auch hier fälschlich als "Nr. 9" bezeichnet).
Man hört es förmlich: Fischer liebt sein von ihm 1983 gegründetes Orchester, vor allem die Bläser, die er – als ehemaliger Schüler Swarowskys und Assistent Harnoncourts – historisch rückversichert mit Naturhörnern, beschränkten Posaunen und (kleinen) C-Klarinetten aufspielen lässt. (Nur sein Booklet-Vergleich von Naturhornspielern mit 'behinderten Athleten' irritiert etwas; passender wäre da vielleicht die Parallele von modernen Instrumentalisten mit Doping-Idolen). Fischer trägt ihre Kantilenen förmlich auf seinen dirigierenden Armen. Was er ihnen – gerade in Schuberts 'schwierigen' Passagen mit Tempowechsel, insbesondere dem Übergang von langsamer Einleitung zum Allegro-Hauptsatz – an dynamischen Finessen entlockt, ist außergewöhnlich und zeugt von einer langjährigen, quasi 'blinden' Orchesterkommunikation, die im heutigen Jet-Set-Konzertstress der Pultmagnaten immer seltener anzutreffen ist. Als Norrington- oder Gardiner-Fan mag man durchaus Fischers "Andante"- und "Scherzo"-Tempowahl bemängeln, die das vorgegebene "con moto" bzw. "vivace" kaum wertschätzt. Und als Dausgaard-Fan wünscht man sich noch mehr von jenem kathartischen Schmerzensschrei, der einen bei allem frenetischen C-Dur-Jubel an die abgründige Gemütsverfassung des 'späten' Schubert erinnert. Doch wie gesagt, Fischer ist kein Extremist, sondern ein Feinzeichner von seltenen Graden und Gnaden. Was nicht zuletzt die fünf beigegebenen "Deutschen" des 16-jährigen Schubert offenbaren, die die Budapester zu wunderbar filigranen, heiter-melancholischen Kleinoden einer ach so fernen Alltagskultur modellieren.

Christoph Braun, 11.06.2011



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