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Johann Sebastian Bach

Fünf Klavierkonzerte

Ramin Bahrami, Gewandhausorchester, Riccardo Chailly

Decca/Universal 478 2956
(74 Min., 5/2009)

Weder den konventionellen romantischen noch den historisierenden Bach möchte Riccardo Chailly bieten, sondern eine auf philologischem Quellenstudium basierende 'moderne' Interpretation: Das ist sein 'dritter Weg', auf dem er die beiden eingangs genannten 'alten Strömungen' zu 'überwinden' gedenkt. Dass er meint, das so kämpferisch ausdrücken zu müssen, dass er überhaupt der Ansicht ist, auch die historisierende Aufführungspraxis müsse "überwunden" werden – so lässt er sich im Beiheft zitieren –, dämpft schon im Vorfeld das Interesse an dieser doch recht gelungenen Live-Einspielung von fünf Klavierkonzerten Johann Sebastian Bachs. Chailly hat immerhin mit dem Iraner Ramin Bahrami einen Pianisten gefunden, der mit überbordender Freude und fanatischer Akribie einem modernen Flügel das zu entlocken trachtet, was wir heute eher von einem Cembalo zu hören gewohnt sind: fein gezeichnetes, präzise perlendes Non-Legato-Spiel. Wer genau hinhört, bemerkt, dass ihm das nicht immer gelingt; im ersten Satz des E-Dur-Konzerts etwa bleibt in der rechten Hand die eine oder andere schnelle Note auf der Strecke, und gelegentlich melden sich mit ein wenig zu massiven und leicht ungelenken Basstönen jene Eigenheiten des modernen Konzertflügels zu Wort, die einer ganz adäquaten Bach-Interpretation, so meint wenigstens der Autor dieser Zeilen, im Wege stehen.
Wenn wir bereit sind, kleinere Ungenauigkeiten großzügig der Live-Entstehung der Aufnahme zuzuschreiben, dann können wir insgesamt einen auch im begleitenden Orchester meistens recht schlanken, vibratofreien, gut artikulierten Mattglanz-Bach erleben. Erstaunlicherweise ermöglicht nämlich der silbrig-obertonreiche Cembaloklang letztendlich doch ein viel gestocheneres, fokussierteres Klangbild, weswegen wir etwa die bewährte Trevor-Pinnock-Einspielung niemals missen möchten. Umgekehrt lässt sich der moderne Flügel trotz aller gouldesker Pedalfreiheit und Non-Legato-Kultur niemals ganz entromantisieren: Gerade in den langsamen Sätzen entstehen tendenziell wieder jene romantischen Klangbäder, die Chailly doch erklärtermaßen überwinden wollte; besonders hier schaffen es auch die Streicher nicht, ausreichend nüchtern zu bleiben – es soßt eben doch wieder, wenn auch ohne Vibrato. Und so schwindet im Verlauf des Hörens mehr und mehr die Freude an diesem selbstbewusst präsentierten Experiment. Hier ein allzu vorwitzig hervortretendes Continuo-Cello, dort ein allzu klobiges Schluss-Ritardando, und am Ende wissen wir einmal mehr, dass Bach zwar nicht totzukriegen ist, aber von Spezialisten heute eben doch deutlich überzeugender zu Gehör gebracht werden kann.

Michael Wersin, 09.07.2011



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