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François Couperin

4 Livres de pièces de clavecin

Michael Borgstede

Brilliant Classics/Foreign Music MMK93082
(675 Min., 2004, 2005) 11 CDs

Als zweites berufliches Standbein hat sich der in Niedersachsen geborene Cembalist Michael Borgstede den Job als Nahostkorrespondenten für diverse Tageszeitungen ausgewählt. Aus dem Blickfeld ist ihm gerade seine Vorliebe für den Franzosen François Couperin (1668-1733) nicht geraten. Im Gegenteil. Borgstede war bereits bei der Gesamtaufnahme der Kammermusik Couperins beteiligt, die er für jenes Low-Price-Label eingespielt hat, bei dem nun auch der riesige Miniaturkosmos "4 Livres de pièces de clavecin" erschienen ist. Darin versammelte Couperin sage und schreibe über 220 Charakterstücke in 27 sogenannten "Ordres", die aber weit mehr als nur ein kunstvoll mit Verzierungen gestaltetes Spiegelbild seines Lehrbuches "L´Art de toucher le clavecin" darstellen. In seiner schon verschwenderischen Reihung von assoziativen (Programm-)Stücken durchbricht er die Suitenform, an der noch Kollege Jean-Philippe Rameau festhielt. Und auch wenn die bisweilen mit kryptischen Titeln versehenen Einzelsätze – wie das Rondeau "Les Barricades mistérieuses" aus dem zweiten Buch der "Pièces de clavecin" (6. Ordre, 1716) – jetzt die Welt der Aufklärung im Kleinen katalogisieren, sollte man ihren Einfluss über das empfindsame 19. Jahrhundert hinaus bis zu Debussy nicht unterschätzen. Für die musikalischen Beschreibungen von Atmosphären und den Couperin nahe stehenden Personen hat sich Michael Borgstede für zwei Nachbauten entschieden, mit denen er den melodisch-figurativen Habitus beredt und ausgewogen angehen und durchhalten kann. Sowohl die Kopie eines aufs Jahr 1638 datierten Rückers- als auch eines Hemsch-Instrumentes von 1754 sind von ihrer offenen Klangfülle und agogischen Flexibilität her perfekt eingestellt, so dass Borgstede bei aller Texttreue von jedem Stück ein vitales Profil zeichnen kann. Mit Noblesse und Edelmaß, mit verspielter, aber nie überbordend wirkender Ornamentik und federleichter Zartheit, mit majestätischem Zugriff und dann wieder mit nachdenklichem Ernst. So wird Couperins Enzyklopädie aus der historischen Ferne herangezoomt und als ein Dokument "gelesen", hinter dessen scheinbar so kalkulierter Rhetorik eine pralle Sinnlichkeit steckt, die mindestens das 21. Jahrhundert überleben wird.

Guido Fischer, 28.04.2007



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