Immer wenn Gidon Kremer in den vergangenen 30 Jahren enge Musikerfreunde und neue Talente nach Lockenhaus einlud, galt für die Festivalzeit zunächst die Karl-Valentin-Weisheit „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Als 1985 die ersten Liveaufnahmen veröffentlicht wurden (damals noch im Doppel-LP-Format), wusste man sofort, dass durch das österreichische 2000-Seelen-Dörfchen ein frischer Kammermusikwind geweht sein muss. Denn schon die beiliegenden Probenfotos bewiesen, dass Kunst auch etwas mit Vergnügen und Spontaneität zu tun haben kann. Dementsprechend fanden sich unter den ausgewählten Werken nicht nur César Francks melancholisch durchglühtes Klavierquintett und André Caplets impressionistisch aufgeschäumte „Conte fantastique“. Gidon Kremer etwa schob da mit unüberhörbar gut gelaunter Geige sowie mit Eduard Brunner (Klarinette) und Aloys Kontarsky (Klavier) über das Parkett – bei einem Tango von Strawinsky. Solche Tondokumente erzählten fortan immer wieder vom speziellen Geist, der in Lockenhaus herrschte. Prominente und Newcomer musizierten da auf Augen- und Ohrenhöhe, jedes aus dem Stand geborene (Spitzen-)Ensemble sorgte für Sternstunden im zumeist nicht gerade alltäglichen Repertoire.
Nach 30 Jahren hat sich Gidon Kremer nun entschlossen, die offene Musikantenwerkstatt Lockenhaus in andere Hände zu geben. Das diesjährige, letztmalig von ihm geleitete Festival stand unter dem Motto „Kompromisslos – Jung“. Diese Attribute treffen natürlich auch auf die Jubiläums-Box zu, die bislang veröffentlichte Highlights mit zwei endlich gehobenen Archiv-Schätzen kombiniert. Neben Franck, Caplet und Janáček wurden vor allem Werke für Streicher von Dmitri Schostakowitsch und Erwin Schulhoff zu aufregenden Programmschwerpunkten gebündelt. Nicht weniger unter die Haut geht einem zudem die Erstveröffentlichung von Simon Rattles Dirigat der Kremerata Baltica und der „Metamorphosen“ von Richard Strauss. 2001 tauchte er mit den 23 Streichern unvergleichlich berührend in eine elegische und sanft atmende Klangwunderzauberwelt ein. Sieben Jahre später war es Dirigent Roman Kofman, der u.a. mit Khatia Buniatishvili (an der Celesta!) sowie einem ukrainischen Kinderchor die „Trois petites Liturgies de la Présence Divine“ von Olivier Messiaen in ein sinnlich zartsüßes, aus sich heraus leuchtendes Bekenntniswerk verwandelte. Kaum zu glauben, dass auch hinter solch einem Klangereignis viel Arbeit gesteckt haben mag, andererseits sorgten ja immer der burgenländische Genius loci und der Lockenhausener Schutzpatron Gidon Kremer dafür, dass man das Musizieren nicht als Pflicht, sondern als Lebenselixier verstand.

Guido Fischer, 06.08.2011



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