Von der toten Materie über die Blumen, die Tiere, die Menschen und die Engel bis zur „Liebe Gottes“: Man spricht gerne von einer stufenweise fortschreitenden Kosmologie, die Mahler in seiner dritten Sinfonie entworfen habe, zielgerichtet vom Materiellen hin zum allumfassend Geistigen, doch darf das interpretatorisch natürlich zu keiner „Wertung“ führen. Die derben Militärmärsche des Eröffnungssatzes sind genau so bedeutsam für die Gesamtschau des Werkes wie das naturalistische Tiergeheul oder der apotheotische Liebes-Hymnus der zweiten Abteilung, das naive „bim-bam“ der Engel nicht minder wie Nietzsches tiefsinnige Menschheitsklage. Jonathan Nott vergegenwärtigt die denkbar disparaten Sphären schlichtweg kongenial. Das grell Verzerrte, Irdisch-Hässliche scharf dissonierender Bläsern bringt er ebenso ungeschönt zur Geltung wie das sehnsuchtsvoll Transzendente der atemberaubend geschmeidigen Streicherkantilenen. Seine „rekordverdächtig“ langsamen Tempi lassen allenfalls im „Misterioso“-Satz (mit einer wundervoll „geerdeten“ Mihoko Fujimura) Fragen hinsichtlich des inneren Zusammenhalts aufkommen; ansonsten schaffen sie die Grundlage für eine überwältigende Klangsinnlichkeit und –genauigkeit, die diese Aufnahme der Dritten zu einer der gelungensten überhaupt kürt. Das gilt vor allem für das D-Dur-Finale mit seinen – in der Tat grenzwertigen – 26 Minuten Dauer: Wie sich Nott hier in die vierfachen Steigerungswellen geradezu meditativ versenkt und alles in eine orgiastische Explosion von Licht und Farbe münden lässt, das ist eine Mahler-Offenbarung.
Demgegenüber bleibt Mariss Jansons Concertgebouw-Aufnahme nur zweite Wahl – könnte man meinen. Doch das gilt allenfalls für den – zugegeben höchst gewichtigen – Eröffnungssatz: Hier bleibt der Lette doch einige Hitzegrade unter Notts Eruptionen. Dagegen zeichnen sich die folgenden Sätze 2-6 durch eine stringentere, wenn man so will: „klassizistischere“ Sicht des Formverlaufs aus. Sie kommt gerade auch Bernarda Fink und ihrem betörenden, smaragdgrün schimmernden „Misterioso“-Gesang zu Gute. Über die exzellenten Ensemblequalitäten der Amsterdamer Musiker muss man kein Wort verlieren. Dass aber auch die Bamberger in diesem ihrem (erneut mit famosen Tontechnikern gesegneten) Mahler-Zyklus zu den weltbesten Orchestern zählen, kann man nur ein weiteres Mal betonen.

Christoph Braun, 13.08.2011



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