Man stelle sich vor, bei einer Zauberflötenaufführung fielen die Pamina und die Königin der Nacht kurzfristig aus – und der erste Knabe könnte beide Partien mitübernehmen. Abgesehen davon, dass das kräftemäßig kaum zu machen wäre: Rein stimmlich wäre Alois Mühlbacher, Sopransolist der St. Florianer Sängerknaben, durchaus in der Lage dazu. Auf der vorliegenden CD präsentiert der 15-jährige Wunderknabe nicht nur „Ach, ich fühl’s“ und „Der Hölle Rache“, sondern auch das berühmte „Lied an den Mond“ (Rusalka), „O mio babbino caro“ (Gianni Schicchi), „Un bel dì verdremo“ (Madama Butterfly) und „Mein Herr Marquis“ (Die Fledermaus). Damit noch nicht genug: Die erstaunlichste Leistung für einen „Knaben“ (eigentlich ist er ja mit seinen fünfzehn Lenzen längst ein Teenager) scheint das gewaltige Zerbinetta-Solo „Großmächtige Prinzessin“ (R. Strauss, Ariadne).
Was sagt man zu solchen Stimmkunststücken? Zunächst spricht der Historiker im Rezensenten: So könnte es gewesen sein, wenn etwa Bach seine Solokantate „Jauchzet Gott in allen Landen“ zur Aufführung gebracht hat – hier sang ja sicher keine Frau, sondern ein Knabe. Im 18. Jahrhundert mutierte man generell noch mit 17 oder 18 – es ist evident, was für ein Reifezuwachs da noch möglich war. Aber warum singt Alois dann auf dieser CD nicht solche Stücke, die wirklich für Knaben komponiert wurden, sondern Sopranarien, bei denen teilweise selbst gestandene Frauenzimmer in die Knie gehen? Da meldet sich der Kritiker unserer gegenwärtigen kulturellen Realität zu Wort: Das macht er natürlich, weil dann „Mozart“ oder „Puccini“ auf dem Cover steht – Signalwörter, bei denen Massen von sonst banausigen Kulturversagern ihre Taschentücher zu zücken bereit sind, zumal wenn da ein herziger Knabe singt! Wird aber eine CD wie diese einen einzigen Kulturfernen in die Oper bringen? Wir bezweifeln das, denn wir misstrauen dem vielbeschworenen Abholeffekt. Und überhaupt: Verkraftet denn die Knabenstimme solche Stücke überhaupt? Nun tritt der Gesangslehrer auf den Plan: Wir überhören keineswegs die fahle Mattigkeit der unteren Mittellage und Tiefe, wir hören auch die oft überlüftete Höhe und die draus resultierende Not, teils nach kürzesten Phrasen von zwei oder drei Tönen nachatmen zu müssen. Korngolds „Glück, das mir verblieb“ gerät vor diesem Hintergrund, legt man ohne Rücksicht auf das Knabenkunststück ästhetische Maßstäbe an, eigentlich zur Farce. Immerhin verschweigt Alois‘ Betreuer und Förderer, der ihn hier auch am Klavier begleitet, im Beihefttext nicht, dass der Junge erhebliche Stimmprobleme hatte – vor seiner Ausbildung bei den St. Florianern freilich. Dass die kleinen Stimmbänder dennoch Mühe haben, den Belastungen standzuhalten, die Kantilenen, wie die hier präsentierten, verursachen, ist unüberhörbar. Und – nun spricht der Ästhet – wie reizvoll ist es denn wirklich, all diese Nummern von einem Knaben zu hören? Reichen Aspekte wie „erstaunlich“, „bisher niemals gehört“, um einem vergleichsweise unausgewogenen Knabengesang schmackhaft zu machen, wo einen Sänger wie Josef Schmid („Glück, das mir verblieb“), Rita Streich („Großmächtige Prinzessin“) oder Leontyne Price („Un bel dì vedremo“) bereits zu Tränen gerührt haben? Wir meinen: eigentlich nein. Alois möchte nun als nächstes Strauss‘ „Vier letzte Lieder“ und Gesänge von Mahler vorlegen. Wir bezweifeln, dass das nötig ist.

Michael Wersin, 20.08.2011



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