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Live In Offenbach 1978

Weather Report

Art of Groove/Indigo 958572
(128 Min., 9/1978) 2 CDs

Am 29. September 1978 war ganz schön was los in der Offenbacher Stadthalle. Komplett ausrastende Fans schrien sich die Seele aus dem Leib, während die Musiker auf der Bühne unter anderem Urwaldtiergeräusche voller Inbrunst imitierten oder vom Band eine Mond-Rakete starten ließen. Ein glücklicher Moment für alle Freunde von Weather Report: Man erlebt die Formation hier nicht nur auf dem Höhepunkt ihrer Popularität (was einige, in ihrer Albernheit rührende, effekthascherische Kinkerlitzchen erklärt), sondern auch auf dem Zenit ihrer Schaffenskraft.
“Live In Offenbach 1978“ ist die zweite bislang zurückgehaltene Live-Aufnahme, die die Zawinul-Erbengemeinschaft zum 40. Geburtstag von Weather Report zur Veröffentlichung freigegeben hat. Anders als der vorausgegangene Mitschnitt von den Berliner Jazztagen 1975 handelt es sich bei dieser Doppel-CD, zu der separat auch eine DVD erschienen ist, um eine richtige Perle: Es ist das erste Live-Album von Weather Report in seiner klassischen Besetzung – also das, was das zu Lebzeiten der Band erschienene Album „8:30“ hätte sein sollen, aber aufgrund von Problemen nie wurde.
Es ist faszinierend zu hören, wie souverän das Quartett zwischen damaliger Rock-Moderne und Jazznostalgie, zwischen Publikumsbespaßung und ernsthaftem Ausdruck zu vermitteln weiß. Auf der einen Seite zeigen Zawinul, Wayne Shorter, Jaco Pastorius und Peter Erskine stolz die Errungenschaften der neusten Technologie vor (was bei einigen Synthesizer-Intros durchaus ein wenig nervtötend sein kann, bei Pastorius’ auf DVD wirklich sehenswertem Jimi-Hendrix-Soloausflug mit Echo-Loop und Verzerrer jedoch vollauf überzeugt), auf der anderen Seite verbeugen sich die Mannen zärtlich vor der Vergangenheit. So erweisen Zawinul und Wayne Shorter Duke Ellington die Ehre oder zeigen mit einer Kurzversion von „In A Silent Way“ ihre Verbundenheit mit Miles Davis.
Man mag es als kleines Manko empfinden, dass die Band in Offenbach neben den großen Hits „Birdland“, „Teen Town“ oder „A Remark You Made“ viel Material vom umstrittenen Album „Mr. Gone“ spielt. Aber auch das wird so frisch und mit so viel Lust interpretiert, dass man sich wehmütig fragt: Wird jemals wieder eine derartige jazzbefähigte Truppe ein so großes Publikum zum Ausflippen bringen?

Josef Engels, 10.09.2011



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