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Claude Debussy, Maurice Ohana, Ralph Vaughan Williams, Francis Poulenc, Einojuhani Rautavaara

Ludus verbalis

Ensemble Vocal Aedes, Mathieu Romano

Eloquentia/harmonia mundi EL 1128
(64 Min., 12/2009)

Über den Namen dieses französischen Ensembles, der im Beiheft nirgends erklärt ist, kann man sich eine Weile den Kopf zerbrechen. Das gleichlautende lateinische Wort für „Haus“ oder „Tempel“ scheint kaum in Frage zu kommen, und noch weniger kann wohl die ebenso zu buchstabierende Stechmückengattung bei der Namensgebung Pate gestanden haben: Ihr Name leitet sich vom altgriechischen Wort „aedes“ für „hässlich“ oder „unangenehm“ ab, das ebenfalls ausscheidet, aber mit Altgriechisch lagen wir nicht ganz falsch, wie die Website des Chores schließlich offenbart – der antike Berufsstand der professionellen Sänger ist gemeint, aber die heißen eigentlich „aoidoi“ … alles Weitere bleibt das Geheimnis des Erfinders dieses vielschichtigen Namens.
Weniger vielschichtig als das Label geriet – leider – der Inhalt: Zwar erstaunt und fasziniert das Ensemble von der ersten bis zur letzten Sekunde durch seine absolut unbeirrbare Intonationssicherheit. Kein einziger unsauberer Akkord ist zu hören, und vor dem Hintergrund der Tatsache, dass hier überwiegend „spätromantisch“ beeinflusstes Repertoire mit entsprechend stark erweiterter, aber im letzten meist doch dur-moll-tonaler Harmonik präsentiert wird, ist diese Sicherheit alles andere als selbstverständlich. Bedauerlicherweise zieht Chorleiter Mathieu Romano aus diesem sicher mit viel Mühe und Schweiß erworbenen erstklassigen Kapital interpretatorisch zu wenig Nutzen: Weder dynamisch und agogisch, noch – was bei vielen der Stücke dringend geboten wäre – klanglich oder gar sprachlich wagt sich das Ensemble jemals wirklich aus der Deckung. Das beginnt mit den sehr bekannten „Trois Chansons de Charles d’Orléans“ von Debussy, die schon oft sehr viel spritziger und farbenreicher dargeboten wurden als hier. Das Problem kumuliert in Philippe Hersants Eichendorff-Vertonungen, die viele (teils solistisch besetzte) rezitativische Passagen enthalten: Niemals wird hier mit den wunderbaren Versen von „Auf einer Burg“ oder „Mondnacht“ auch nur ansatzweise deklamatorisch gezaubert, stets hören wir nur eine Folge von Silben. In Rautavaaras „Personalia“ oder Raymond Murray Schafers „Felix’s girls“ schließlich, wo häufig auch gesprochen werden muss, kann man nicht mehr anders, als verbal Farbe zu bekennen; und hier zeigt sich dann deutlich, dass es den einzelnen Sängerinnen und Sängern an sprachlicher Kreativität und stimmtechnischer Freiheit bzw. Unbefangenheit fehlt. Fazit: Bei Aedes wurde alles auf die eine Karte „Intonation und Homogenität“ gesetzt. Das Ergebnis fasziniert entsprechend auch nur auf dieser Ebene. Aber Vokalmusik ist weit mehr als makellose Oberflächenschönheit. Diese „Mehr“ sollte von einem Chor dieser Qualität nicht ängstlich vermieden, sondern mit Freude und Fantasie ergriffen werden.

Michael Wersin, 10.09.2011



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