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Johannes Ciconia

Opera Omnia

Diabolus in Musica, La Morra

Ricercar/Note 1 RIC 316
(158 Min., 1 & 9/2010)

Fauxbourdon-Passagen, Hocquetus-Effekte, Doppelleittonklauseln: Die um 1400 entstandene Musik ist unseren Ohren heute zunächst recht fremd; die Texte der geistlichen lateinischen Doppel- und Tripelmotetten oder der Ballaten, Virelais und Madrigale in altem Italienisch oder Französisch verstehen wir selbst mit der Nase im Beiheft nur mittelbar, weil lediglich Übersetzungen ins Französische und ins Englische beigesteuert wurden. Zudem ist uns die Art der Melodieführung fremd, die entstehenden Zusammenklänge auch … Eine Menge Barrieren – und eher wenige Hörer werden gleich zu Noten oder Fachliteratur greifen.
Bleibt also fürs Erste nur das aufmerksame Hören. Und das offenbart uns zwar nicht die intrikaten polyphonen Strukturen dieser hochkomplexen Musik, aber es schärft nach und nach das Empfinden für den Ausdrucksgehalt dieser faszinierenden Musik: Das mal erregte, mal ruhigere Miteinander der Stimmen, das Wechseln der Metren, die leidenschaftlichen melodischen Ausdrucksgesten – eine atemberaubend reiche musikalische Welt öffnet sich. Die nicht nur absolut tadellose, sondern auch begeisternd schöne Darbietung des Gesamtwerks von Johannes Ciconia, die den Hörer dieser Doppelbox erwartet, ermöglicht auf optimale Weise eine intensive Begegnung mit dem in Lüttich geborenen Musiker, der u.a. in Padua seine (wenigen) biografischen Spuren hinterlassen hat.
Diese Einspielung ist ein Herzenswunsch von Jérôme Lejeune, dem Gründer des Labels „Ricercar“, gewesen: Schon seine lang verstorbenen Eltern haben sich intensiv mit Ciconia auseinandergesetzt, und die Musik dieses Meisters hat ihn durch Jahrzehnte hindurch begleitet. Schön, wenn als Krönung einer solchen Obsession schließlich eine so wertvolle, wegweisende Aufnahme vorliegt! Dieser großartigen Leistung ist ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit zu wünschen.

Michael Wersin, 08.10.2011



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