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Antonio Vivaldi, Antonio Caldara

Cello-Konzerte, Sinfonien u.a.

Jean-Guihen Queyras, Georg Kallweit, Akademie für Alte Musik Berlin

harmonia mundi HMC 902095
(69 Min., 10/2010)

Mit Vivaldi kann man nichts falsch machen – man sollte es aber auch nicht übertreiben. Denn nicht hinter jedem seiner zahllosen Konzerte, die meist nur in der dreisätzigen Standard-Form um die Ecke kommen, verbirgt sich ein kleines Wunderwerk, was auch für die insgesamt 27 Cello-Konzerte gilt. Um nicht auf Dauer sich und auch den Hörer zu langweilen, haben daher Sol Gabetta und Jean-Guihen Queyras auf ihren zeitgleich veröffentlichten Einspielungen für manch Abwechslung gesorgt. Streut der Franzose Queyras zwischen die vier Cello-Konzerte Vivaldis etwa auch Opern-Sinfonien von Antonio Caldara ein, kann Gabetta beim zweiten Teil ihres „Progetto Vivaldi“ mit einer Weltersteinspielung aufwarten. Nach drei Vivaldi-Concerti führt der Weg über ein fünfsätziges Cello-Konzert des Neapolitaners Leonardo Leo zu der CD-Novität von Giovanni Battista Platti. Beide Konzerte sind zwar nicht unter radikal neuen Vorzeichen entstanden, doch gerade bei Platti gibt es expressive Verdichtungen und geschickte, polyphone Fingerübungen, mit denen sich der an deutschen Fürstenhöfen umtriebige Komponist als konkurrenzfähig zu seinem großen Landsmann erweist.
Doch nicht nur in den Repertoire-Entdeckungen unterscheiden sich die beiden CDs. Obwohl Sol Gabetta und Jean-Guihen Queyras jeweils Ensembles zur Seite stehen, die sich dem historischen Ausdrucksflair verschrieben haben, trennen sie Welten. Und die Probe aufs Exempel kann man gleich beim einzigen Konzert machen, das auf beiden Programmen steht. Obwohl in der von Gabettas Bruder Andres geleiteten Cappella immerhin Alte Musik-Spezialisten von Il Giardino Armonico sitzen, geht es nie hemdsärmlig forsch bis rekordverdächtig rasant zu. An ihrem Barock-Instrument achtet Gabetta streng auf den großen melodiösen Bogen und aufs verlockend Anmutige. Und selbst spieltechnischen Komplikationen wie im Finalsatz des g-Moll-Konzerts stellt Gabetta eine kostbare Empfindsamkeit gegenüber, um den Grad des ´Erzählerischen´ spannungsvoll zu erhöhen. Mit der Akademie für Alte Musik Berlin schlägt Jean-Guihen Queyras eine ganz andere, nicht weniger faszinierende Gangart an. Wilde Blitze schlagen da immer wieder aus dem Orchester heraus. Während Queyras akzentuiert Stürme entfacht oder im langsamen Satz die Stimmung derart auf den Moment konzentriert, als handele es sich hierbei um eine Cello-Suite Bachs. Zwei Seiten einer Vivaldi-Medaille also – bei der man zugreifen sollte.

Guido Fischer, 15.10.2011



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