Man könnte Tschaikowskis 1890 geschriebene Oper „Pique dame“ auch als Fallstudie eines Psychopathen bezeichnen. Denn ihr Held, der Außenseiter Hermann, ist von der fixen Idee, sein Lebensglück durch ein Kartengeheimnis zu machen, so besessen, dass er zusehends den Kontakt zur Realität verliert und in eine Welt aus Wunsch und Wahn abdriftet. Verständnis für diesen Antihelden zu wecken, ist die große Herausforderung, die sich jeder Regisseur des Stücks und jeder Sänger der Titelpartie stellen muss – und kaum je dürfte dieser Anspruch so glänzend erfüllt worden sein wie 2005 an der Pariser Bastille-Oper.
Der russische Schauspielregisseur Lev Dodin verlegt die Geschichte ins Hospital, wo der geisteskranke Hermann dahinvegetiert – wie Erinnerungsfetzen scheinen die Episoden der Geschichte von den drei Karten auf und gewinnen eine gespenstische, bedrohliche Präsenz, die zugleich das Quälende von Hermanns Wahn spürbar macht. Eine Sicht, die auch Altmeister Gennadi Roschdestwenski am Pult teilt: Sein Tschaikowski-Klang ist von der mitleidslosen Präzision und Lakonik einer Fieberkurve, ausgehärteter Klassizismus statt dampfender Romantik. Vollends faszinierend ist jedoch, wie sich Vladimir Galouzine diese Rolle zu eigen gemacht hat, wie er seinen Hermann als vielfältig gebrochenen Menschen zeigt: mal kindlich unschuldig, dann wieder aggressiv, mal traumverloren, dann wieder ganz vernünftig. Das ist großes Musiktheater.

Jörg Königsdorf, 15.10.2011



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