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Franz Schubert

Streichquintett, Quartettsatz

Tokyo String Quartet, David Watkin

harmonia mundi HMU 807427
(66 Min., 9/2010) SACD

Mit seinem Streichquintett nimmt Franz Schubert im Herbst 1828, wohl ohne es zu ahnen, Abschied von der Kammermusik. Diesen Abschied nehmen mit Schuberts Quintett nun auch zwei Musiker, die seit mehreren Jahrzehnten zu den großen ihres Fachs zählen: der Geiger Kikuei Ikeda und der Bratscher Kazuhide Isomura. Seit 1969 bzw. 1974 sind sie die wichtigsten Stützen des Tokyo String Quartet. Der Abschied vom Ensemble wird allerdings nicht übers Knie gebrochen. Bis zum Sommer 2013 wollen die beiden Japaner noch mitmischen. Ihrer Schubert-CD werden vermutlich also weitere Veröffentlichungen in der vertrauten Besetzung folgen.
Sie wäre aber auch allein ein hervorragendes Finale – der Wahl des Repertoires wegen und der unverminderten Überzeugungskraft ihrer Interpreten. Schuberts letzte Werke sind von der posthumen Kritik und Wissenschaft oft als Vorboten des nahenden Todes gedeutet worden. Einiges spricht für, vieles gegen diese These, biografisch, aber auch musikalisch: etwa die Wahl des hellen, ungetrübten C-Dur als Grundtonart für das Quintett. Oder des auf Streichinstrumenten noch heller klingenden E-Dur für dessen zweiten Satz, ein Adagio, das aller Sorgen entrückt zu sein scheint. In der Aufnahme des Tokyo String Quartet mit dem zweiten Cellisten David Watkin wagt man an dieser Stelle kaum zu atmen, so sacht und ruhig strömt diese Musik. Die plötzliche Aufladung, die das Adagio in seiner Mitte erfährt, ist ein typischer, skeptischer Kommentar der Romantikers Schubert auf himmlische Träumereien, typisch überhaupt für dieses so grandios gebrochene Spätwerk. Was Schubert umtreibt in seinem Quintett, dieses so genau kalkulierte Schwanken zwischen Euphorie und Starre, zwischen Ruhe und Hast, zwischen Erwartung und Enttäuschung, man kann es nacherleben und in seiner Dramaturgie verstehen in der Interpretation des Tokyo String Quartet und des verstärkenden Cellisten David Watkin. Es ist ein Wechselbad der Gefühle, und es wirkt als solches umso aufregender und anregender, als das Ensemble die Beleuchtungswerte zwischen Licht und Schatten sehr genau dosiert. Schuberts Ambivalenz, in der sich die Verunsicherung eines ganzen Zeitalters spiegelt, braucht keine Brechstange, sondern solche Erfahrung und Verantwortung.
Technisch ist beim Tokyo String Quartet selbst im fortgeschrittenen Alter noch alles im grünen Bereich, auch klanglich: Schuberts kompositorische Dreiteilung des Ensembles in zwei Duos und einen grundierenden Bass, eine der wesentlichen Herausforderungen dieses Werks an seine Interpreten, sie wird deutlich herausgearbeitet, ohne dass dabei der Gesamtklang zerreißt und die Totale verloren geht.
Es ist ein großer Abschied, der hier eingeleitet wird: Wenn Kikuei Ikeda und Kazuhide Isomura das Quartett verlassen, wird die Lücke nicht einfach zu schließen sein.

Raoul Mörchen, 19.11.2011



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