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Franz Liszt

Klavierwerke

Nikolai Lugansky

naïve/Indigo 962482
(66 Min., 6/2011)

Kurz vor Schluss des Liszt-Jahres legt der Russe Nikolai Lugansky noch schnell ein Recital vor. Und dafür hat er sich Werke ausgesucht, die allesamt einen gewissen Ohrwurmstatus besitzen. Vom Wandersmann (Ausschnitte aus den „Années de pèlerinage“) über den Schwiegervater Wagners („Isoldes Liebestod“) bis zum Virtuosen Liszt (Paganinis „La Campanella“) schlägt Lugansky einen repräsentativen Repertoire-Bogen ohne Überraschungen.
Verkaufsstrategisch hätte man angesichts der Flut an Konkurrenzaufnahmen da sicherlich andere Reizpunkte setzen können. Aber Luganskys Einspielung schafft es immerhin, den Blick wieder zu schärfen für die eigentlichen Kühnheiten, Belanglosigkeiten und auch Einflüsse in Liszts Klavierschaffen. Im Vergleich zur schwerblütigen Espressivo-Intensität und tosenden Akkordwirbelstürmen, die Luganskys Kollegen nicht nur 2011 geboten haben, geht er den Jubilar geradezu nüchtern an. Distanziert, oder gar leblos wirken sein Spiel und seine Annäherung jedoch zu keinem Zeitpunkt.
Die Lyrik in der Raffael-Hommage „Sposalizio“ skizziert Lugansky konzentriert und mit klanglicher Flexibilität. Und während er hier schon mal für Schubertsche Bittersüße innehält, entdeckt Lugansky in dem dritten „Petrarca-Sonett“ eine brüchige Lieblichkeit in Schumannscher Manier. Sind es solche Details, die das Altbekannte neu beleben, so stellt Lugansky sie doch nicht mit Forscherehrgeiz heraus, sondern modelliert sie mit einer unverstellten Natürlichkeit. Glanzvoll leuchtend erweist sich zudem seine Non-Legato-Kunst in „Les jeux d´eau de la Ville d´Este“. Höchste Anschlags- und Farbendifferenzierung sowie melodiöse Ausphrasierung ist in „Isoldes Liebestod“ zu erleben. Und selbst ins tonmalerische „Schneetreiben“ aus den „Douze études d´exécution transcendante“ stürzt er sich nicht mit pianistischem Aplomb, sondern mit sublimer Sinnlichkeit und einem ausgeprägten ‚architektonischen Gefühl‘. Zusammen mit den Liszt-Aufnahmen von Lise de la Salle und Pierre-Laurent Aimard zieht Lugansky so den ultimativen Schlussstrich unters Liszt-Jahr.

Guido Fischer, 03.12.2011



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