Einspielungen der Cembalokonzerte Johann Sebastian Bachs auf modernen Instrumenten erleben derzeit offenbar eine gewisse Renaissance: Kürzlich präsentierte Riccardo Chailly seine Version von fünfen der Konzerte mit dem Gewandhausorchester und dem iranischen Pianisten Ramin Bahrami (Decca), nun liegen zwei weitere Aufnahmen von Martin Stadtfeld (Konzerte in D, g und A) sowie von Alexandre Tharaud (Konzerte in d, D, f, g und a, letzteres für vier Klaviere, die alle Tharaud spielt) vor.
Tharaud und die ihn begleitenden „Violons du Roy“ zelebrieren besetzungstechnisch einen sehr speziellen Historismus: Das Orchester spielt auf modernen Instrumenten, aber mit Barockbögen im Tonfall „historisch informiert“, und Tharaud entschied sich wegen des „warmen, leicht gedeckten Klangs“ für ein Instrument aus den 1980er Jahren. Stadtfeld historisiert auf andere Weise: Sein Ideal scheinen Ferrucio Busonis Bach-Bearbeitungen zu sein, was insofern konsequent ist, weil diese vom damals modernen Flügel her gedacht sind. Vor diesem Hintergrund erlaubt sich Stadtfeld klanglich motivierte Eingriffe in den originalen Klavierpart: Im ersten Satz des D-Dur-Konzerts etwa kurz vor der Reprise mit Oktavierungen in Diskantlage, in der Mitte des langsamen Satzes mit Oktavverdoppelungen der Melodiestimme. All dies zielt ab auf eine Art der Darbietung, bei der der süffige, verdichtete Klang einen höheren Stellenwert hat als die flexibel und „sprechend“ gestaltete horizontale Linie. Im erwähnten langsamen Satz spielen in diesem Sinne auch die Kontrabässe ein wenig zu dick, und Stadtfeld versteht seine wundervolle Kantilene nicht wirklich nach musikalisch-rhetorischen Gesichtspunkten zu beleben: Schon am Anfang trillert er starr, wo Tharaud sehr sensibel und variiert ausziert.
Ähnliches erleben wir im Kopfsatz des D-Dur-Konzerts: Labadies „Violons du Roy“ bürsten den eigentlich auf Spannungszuwachs hin angelegten Themenkopf mit einem reizenden Decrescendo neckisch gegen den Strich, das Kammerensemble der Münchner Philharmoniker präsentiert dagegen drei kurze, harte Schläge. Die Aspekte repräsentieren pars pro toto auch den Gesamteindruck des Autors: Tharaud und seine Mitstreiter bringen Bachs Musik mit nuancierten artikulatorischen Mitteln wirklich zum Sprechen; sie agieren insofern tatsächlich historisch informiert im barocken Sinn. Gegen so viel gewitzte und detailverliebte Feinarbeit wirken die Bemühungen Stadtfelds und der Münchner oft statisch und hölzern. Auch mit seiner Bearbeitung der (wohl kaum von Bach stammenden) „Acht kleinen Präludien und Fugen“ für Orgel erfreut Stadtfeld nur diejenigen, die Bach gern durch die Busoni-Brille hören – barock im historischen Sinne sind seine Klangzaubereien per Satz-Verdichtung, Oktavierungen etc. nicht.

Michael Wersin, 07.01.2012



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