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Camille Saint-Saëns, César Franck, Maurice Ravel

French Impressions

Joshua Bell, Jeremy Denk

Sony 88697 891822
(67 Min., 11/2010)

Eine wirklich gefällige CD legen Joshua Bell und sein Klavierpartner Jeremy Denk vor: französische Violinsonaten von César Franck, Camille Saint-Saёns (Nr. 1 in d-Moll) und Maurice Ravel, mit schönem Ton charmant und gepflegt musiziert. Aber reicht das, um diese Musik wirklich zum Leben zu erwecken, um ihren Ausdrucksgehalt und ihr virtuoses Potential auszuschöpfen? Man höre den ersten Satz der Saint-Saёns-Sonate zum Vergleich etwa von Midori und ihrem Klavierpartner Robert McDonald (Sony): Welch beunruhigende Nervosität legen sie bereits in die ersten Takte, mit welcher Brillanz lassen sie das anschließende virtuose Feuerwerk abbrennen, wie anmutig gestalten sie die lyrischen Passagen desselben Satzes, ohne dabei jemals das gestochen scharfe Klangbild zu vernebeln. Joshua Bell und Jeremy Denk musizieren all das deutlich eindimensionaler: Die schnellen Passagen sind weniger aufregend, weil ihnen die knackig-trockene Prägnanz fehlt, und auch ans Lyrische geben sie sich nicht so vorbehaltlos hin wie Midori und McDonald.
Ähnlich die berühmte César-Franck-Sonate, unzählige Male eingespielt seit der Pionierleistung des Eugène-Ysaÿe-Schülers Alfred Dubois (1931, Biddulph Recordings) von Thibaud/Cortot, Heifetz/Rubinstein, Bobescu/Genty. Nicht zu verachten auch zahlreiche neuere Einspielungen (Contzen, Grimal, Poulet …). Vor diesem illustren Horizont großartiger Darbietungen fehlt dem Rezensenten bei Bell die eindeutige Entscheidung für eine interpretatorische Richtung: Besonders die Alten, unter ihnen Heifetz, haben mit gekonnt eingesetztem Vibrato einen süffigen Ton erzeugt, und ihre satten Portamenti ergaben sich zwanglos aus der insgesamt üppigen Herangehensweise an die mit spätromantischer Harmonik unterfütterte Melodielinien. Bell arbeitet ebenfalls ausgiebig mit Portamenti, aber sie korrespondieren oft nicht organisch mit seinem viel dünneren, leichtgewichtigeren, zurückhaltenderen Ton. Ein umfassendes, ungeschütztes Bekenntnis zu echter Leidenschaftlichkeit hätte der Interpretation sehr gut getan.

Michael Wersin, 11.02.2012



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