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Johann Sebastian Bach

Johannes-Passion (Fassung 1749)

Cantus Cölln, Konrad Junghänel

Accent/Note 1 ACC 24251
(109 Min., 5/2011)

Zu ungewohnter Zeit – nämlich Anfang November des vergangenen Jahres – erschien diese Neueinspielung der Johannespassion, und sie erklingt in unvertrauter, selten zu hörender Fassung: Konrad Junghänel entschied sich für die vierte Version des Stücks, entstanden als eigenhändige Überarbeitung des Komponisten im Jahre 1749, ein Jahr vor seinem Tod. Dass diese Fassung auch bei den Interpreten ins Blickfeld rücken würde, war klar, als der Bachforscher Peter Wollny diese zuvor nicht leicht zugängliche Version als Notenausgabe verfügbar machte. Was wir nämlich bisher spielten und auch immer noch häufig hören, ist eine Art Misch-Version aus den vier Fassungen des Werks, welche für sich genommen in sehr unterschiedlichem Umfang erhalten und rekonstruierbar sind; der Bachforscher Arthur Mendel gab 1974 daher dankenswerterweise nach akribischer Forschertätigkeit jene verbreitete praktikable Melange heraus. Wie sinnvoll es ist, die nun herausgeschälte vierte Version aufzuführen, sei dahingestellt: Der Laie wird bei oberflächlichem Hören bei weitem nicht alle Unterschiede wahrnehmen. Diejenigen jedoch, die er wahrnimmt – vor allem der aufklärerisch veränderte Text der Sopranarie „Ich folge dir gleichfalls“, der die vormals enge Bindung von Musik und Text verunklart – werden ihn eher verwirren. Das Problem: Manche der Änderungen werfen Fragen auf hinsichtlich ihrer Begründung; auch einige der substantiell musikalischen Varianten (zu denen man Bach, anders als im Falle der Textretuschen, wohl kaum von Arbeitgeberseite genötigt haben kann) ergeben nicht unmittelbar Sinn.
Ungeachtet all dessen bietet Cantus Cölln, nach erfolgreich vorgenommenen Besetzungsmodifikationen nun stimmlich wieder sehr fit, eine in hohem Maße perfekte Einspielung: Die Rezitative (mit Hans Jörg Mammel als Evangelisten) laufen sehr organisch ab, in Fluss gebracht u.a. durch zahlreiche zusätzliche Orgelakkorde, die man, obwohl sie notiert sind, in der historisierenden Aufführungspraxis bisher meist weggelassen hat. Die Chöre und Choräle erklingen – bei kleiner Besetzung mit zwei Sängern pro Stimme, denn die Soli sind korrekterweise auch die Choristen – völlig homogen und reibungsfrei. Brillant gelingen auch die Arien, nicht zuletzt deshalb, weil Continuogruppe und Diskantinstrumente allesamt höchst qualifiziert besetzt sind und perfekt zusammenwirken. Eine durch und durch empfehlenswerte Einspielung also – wenn über der makellosen Oberfläche und der zumeist begeisternden klanglichen Tiefenschärfe nicht gelegentlich ein leicht ermüdender Schleier allzu großer Objektivität liegen würde. Wie viele der Interpreten waren sich etwa beim Singen des Eingangschores voll und ganz im Klaren darüber, dass dieses Meisterwerk eine passionstheologische Abhandlung ist, die in puncto Zusammenwirken von Textaussage und Musik (Letztere bei Bach immer als Teil der Schöpfung, um deren Rettung durch ihren Schöpfer es hier geht) ein singuläres Ereignis der Kulturgeschichte ist? Wie sehr das Herz der einzelnen Interpreten tatsächlich für den Inhalt glüht (und sei es nur in Form von tiefergehendem Verständnis des Anliegens), vermag der Autor nicht auszumachen.

Michael Wersin, 18.02.2012



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